Mit großen Erklärungen darüber, weshalb diese Reihe bereits nach dem 2. Teil ganz erheblich ins Stocken geraten ist, halten wir uns hier gar nicht lange auf. Also einfach weiter, als wäre inzwischen nicht fast ein ganzes Jahr vergangen…
Das Buch
Marcel Proust hat im Prinzip nur ein Buch geschrieben. Und das ist extrem dick. “À la recherche du temps perdu” (dt.: “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”) ist eine Art Riesen-Roman, der in sich 7 einzelne Romane enthält, die aber alle eine Geschichte erzählen. Meine Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag hat 4150 Seiten. Unsere kleine Tochter hat die Bücher bei ihren ersten Laufversuchen im Kinderwagen umhergeschoben. Sie hatten genug Gewicht, damit der Wagen nicht umkippte.
Hier geht es allerdings nur um den ersten Roman, “In Swanns Welt”, dem man sich angesichts seiner ca. 560 Seiten guten Mutes nähern kann. Und auch das kann man nochmal einschränken: Unbedingt lesen sollte man den ersten Teil des ersten Romans: “Combray”. Handlung: Keine. Und ich meine nicht “eher wenig” Handlung wie in Thomas Manns Zauberberg, sondern: Keine. Es sei denn, man entdeckt in den Spaziergängen irgendwo einen Spannungsbogen. Worum es geht: Erinnerungen; an die Kindheit, an den Geruch von Blumen, ans Einschlafen usw. Es passiert also nichts, das aber auf grandiose Weise, denn…
Was ich daran mag
…ist die Sprache. Ich bin zwar bei weitem nicht gut genug in Französisch, um Proust im Original zu lesen, aber die klassische Übersetzung von Eva Rechel-Mertens reicht aus, um genießen zu können (Walter Benjamin hat ihn auch übersetzt, kennt das hier jemand?). Proust schreibt vielleicht ein bisschen so wie Thomas Mann (die Sätze sind jedenfalls mindestens genau so lang) aber irgendwie eleganter, verträumter und fließender. Es hat etwas von einem impressionistischen Gemälde, man muss es jedenfalls selbst erleben. Dafür reichen schon die ersten zehn Seiten, auf denen der Erzähler im Aufwachen nach und nach sein Schlafzimmer aus der Erinnerung auferstehen lässt (siehe Lieblingszitat). Wer danach nicht von selbst weiterlesen will, sieht sich wohl besser anderswo um.
Lieblingszitat
Man muss ja eines auswählen (und dabei tunlichst die durchgenudelte Madeleine-Stelle vermeiden), also nehme ich ich dieses hier:
“Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu ermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre. Noch zu steif, um sich zu rühren, suchte mein Körper je nach Art seiner Ermüdung sich die Lage seiner Glieder bewußt zu machen, um daraus die Richtung der Wand, die Stellung der Möbel abzuleiten und die Behausung, in der er sich befand, zu rekonstruieren und zu benennen. Sein Gedächtnis, das Gedächtnis seiner Seiten, seiner Knie und Schultern bot ihm nacheinander eine Reihe von Zimmern, in denen er schon geschlafen hatte, an, während rings um ihn die unsichtbaren Wände im Dunkel kreisten und ihren Platz ja nach der Form des vorgestellten Raumes wechselten.” (13)
Das Buch in einem Tweet
Einer erinnert sich an seine Kindheit und vergisst dabei die Zeit.



