Pastor Schmitter diskutiert auf seinem neuen Blog die Frage nach Ethik und Grenzen in Gemeinden. In der Diskussion wurde mir mit einem Mal etwas klar, was im letzten halben Jahr so im Untergrund gärte: Die Erkenntnis, dass Großkirchen und Freikirchen die Form der Zugehörigkeit grundsätzlich verschieden organisieren.
Stark zugespitzt scheint mir die Sache so zu laufen:
- In den großen Kirchen steht das Sakrament (Taufe und Abendmahl, in der römisch-katholischen noch ne Reihe mehr) im Zentrum der Kirche. Durch das Sakrament, insbesondere durch die Teilhabe an Brot und Wein, bekommt man Anteil an Christus selbst. So wird man auch Teil des „Leibes Christi“, der Kirche.
- In den Freikirchen gibt es kaum eine Vorstellung von Sakramenten (offenbar eine Radikalisierung und Verflachung der reformierten Positionen). Abendmahl wird zwar gefeiert – erwartet wird kaum mehr als eine „Erinnerung“ an den Kreuzestod Jesu und ein Gefühl der Verbundenheit untereinander.
Was aber sorgt dort dann für Zugehörigkeit? Antwort: Die Ethik. Wer einem gewissen Lebensstil entspricht, gehört dazu. Wer nicht, jedenfalls mittelfristig nicht. Die Grenzen verlaufen über ein paar klassische Themen, wobei „ein paar“ wohl übertrieben ist, eigentlich über eines: Sexualethik. Der christliche Lebensweg hat zwei Phasen: Die Bekehrung (der Anfang), die Heiligung (der Rest). Läuft das Zweite allzu holprig, sind die Gemeinde-Tage gezählt.
Christsein = Nachfolge = Persönlichkeitsentwicklung (oder „Umsetzen von Werten“).
Übertrieben und zu schwarz/weiß? Klar. Ein Plädoyer für „billige Gnade“? Nein. Aber für mich bleibt die Frage: Gibt es Orte, Zeiten, Räume, in denen Zugehörigkeit gefeiert wird? Gibt es Rituale, die anfassbar vermitteln, dass die Bedingungslosigkeit der Gnade die Grundlage der Veränderung ist? Wie wird die Präsenz der Gnade Gottes in unserer Mitte anschaubar?
[Kommentar Nr.9 bietet eine nicht autorisierte Zusammenfassung der Kommentare 1-8]




Dazu steht für mich eine Frage am Anfang der Antwort: Wie habe ich bisher Veränderung („Gnade“) erlebt? Auf welche Methoden von anderen hin, habe ich mich verändert? Und welche haben mich eher verhärten oder abwenden lassen?
Ich glaub diese Antworten werden sichtbar machen, wie ich momentan mit Anderen umgehe.
Und dann kann ein Weg beginnen, Neue Möglichkeiten und Wege zu entdecken (z.B. wie hat Jesus „Veränderung“ im Leben von Menschen gefördert?)..
ja, das ist richtig: bei den einen wird zugehörigkeit über das ritual geschaffen. bei den anderen – so sagst du – über die ethik. ich habe bislang immer gedacht, dass sich evangelische christen über überzeugungen definieren. hast du die richtige überzeugung (allein die gnade etc. was auch immer), dann gehörst du dazu. wenn es denn um ethik, d.h. um das gelingende leben ginge, wäre das ja schon ein fortschritt :-)
allerdings wird die ethik dann in freikirchen dann eben stark durch einen überzeugungs-konservatismus geprägt. niemand fragt nach dem leben, nach seinen realien – wenn sie mit dem, was biblisch zementiert ist nicht übereinstimmen, gibt es scheuklappen. da liegt dann das problem.
ein weiteres problem ist, wenn sich gemeinschaft und zugehörigkeit über überzeugungen definiert müssen die leute mit sanktionen bestraft werden, die abweichend leben oder abweichende meinungen haben. bei gruppen, die durch ritual zugehörigkeit schaffen, kann das ritual, das immer „grösser“ ist als das individuelle verhalten, meinen, überzeugtsein oder leben, immer über störungen hinweg helfen.
alex, seit wann nennst du mich „pastor schmitter“?
ich glaube nicht, dass zugehörigkeit durch ein ritual geschaffen werden kann. allerdings kann das ritual zugehörigkeit bewusst machen und feiern.
wenn kirche wieder eine bewegung würde, dann würde die zugehörigkeit zu dieser bewegung über ein gemeinsames ideal in der mitte dieser bewegung laufen. wie bei jeder bewegung: etwas, woran wir gemeinsam glauben, wofür wir kämpfen, was wir anbeten.
in der mitte wäre christus und seine vision vom reich gottes. und das abendmahl müsste tatsächlich zentraler ausdruck dieser bewegung sein.
aber ich habe wenig lust, am ende da zu landen, wo die großkirchen jetzt sind. sakramente als blose hülsen, die keine starke bewegung mehr hevorbringen, weil man sie als alibi für zugehörigkeit benutzt, ohne wirklich überzeugt zu sein.
tatsächlich will ich sehen, dass die gemeinsame überzeugung verändere leben hervor bringt. über ethische regeln als zaun um die bewegeung wird das kaum geschehen, aber vielleicht über ein erstrebendswertes ideal in der mitte.
na, da haben wir es ja in reinform: den versuch eine gruppe zu schaffen, in dem alle auf ein ideal (oder auf ein pool von idealen) eingeschworen werden. in extremform kann das ja fanatische züge annehmen. der volkskirchliche pluralismus bedeutet da für mich einen deutlichen gewinn an lebensqualität, anstatt mich mit leuten auseinandersetzen zu müssen, die mir sagen wollen, wie ich leben soll oder wovon ich überzeugt sein soll. – auf der anderen seite haben wir ja auch gesehen, dass es so unproblematisch gar nicht ist, von überzeugungen weg zu schauen. man will es in rom aushalten und erdulden, dass ultrakonservative wieder dazu gehören sollen.
ist der fokus auf überzeugungen gelegt, verkommen rituale zu blossen bebilderungen der überzeugungen. sie haben dann keinen wert für sich mehr – das ist ein grundlegendes missverstehen von dem, was ein ritual ist und leisten könnte.
man sollte sich nicht täuschen: die fokussierung auf überzeugungen (von glaubensinhalten) ist nicht unbedingt etwas grundlegend christliches. es atmet eher den „glauben“ der aufklärung (und dann der moderne), dass man nur richtig denken bzw. glauben muss und so von allem irrtum befreit wird.
@cschmitter sagt: „ich glaube nicht, dass zugehörigkeit durch ein ritual geschaffen werden kann. allerdings kann das ritual zugehörigkeit bewusst machen und feiern.“
Das ist genau die Stelle, an der ich gerade meine Anfrage an die freikirchliche Theologie habe. Das Abendmahl wird so nur zum Symbol einer Realität, die sich im Innern des Individuums abspielt. Ich glaube, und meinen Glauben feiere ich im Abendmahl.
Die sakramentale Dimension sagt hingegen: Ich bin zu schwach zum Glauben. Daher nehme ich die außerhalb meiner Glaubenskraft existierende Realität von Jesus Christus an. Wo gibt es diese wichtige Dimension bei uns?
Einer Idee oder Vision die Kraft beizulegen, eine Gruppe zusammenzuhalten, da gebe ich @beisasse mit Nachdruck Recht, ist typisch für postaufklärerische Ideologien.
Unser Zentrum ist eine Person, die uns trägt, keine Vision, die wir im Innern tragen. Ich glaube wirklich, dass wir das klar auseinander halten müssen.
Einig sind wir uns natürlich, dass das am Ende nicht zu der Ausstrahlungsarmut führen darf, die wir in eingeschlafenen Kirchen (Groß- wie Freikirchen) beobachten können.
Wir kommen wir dahin? Durch die befreiende Erfahrung einer lebendigen Realität – und wo wird die in unseren Strukturen anfassbar?
P.S.: „Pastor Schmitter“ macht doch die sakramentale Dimension deiner Person auf ganz wunderbare Weise anschaulich. Warte, bald hau ich hier noch eine krasse Amtstheologie raus. Weg mit dem „Priesterschaft aller Gläubigen“-Mist! Her mit dem FeG-Papst!
offensichtlich ist doch: die kirche (und damit meine ich landskirchen und freikirchen) steckt in einer nicht unbedeutenden krise. wir können natürlich noch 50 Jahre so weitermachen und auf landeskirchlicher seite religiösität und auf freikirchlicher seite rechtgläubig pflegen (ich pauschalisiere), wenn es uns wurscht ist, in der bedeutungslosigkeit zu versinken bzw. nicht aus ihr herauszufinden. aber wenn uns das nicht kalt lässt, dann muss aus dem ständigen dekonstruieren doch auch mal ein positiver konstruktiver ansatz entstehen.
„Wie kommen wir zu einer befreienden Erfahrung einer lebendigen Realität?“, das ist genau die frage. Ich kann mir dafür keine andere quelle als christus vorstellen. ihr glaub ich auch, richtig?
würdet ihr mit mir sagen, dass eine kirche, die diesen christus wiederentdeckt, von der „institution“ zur „bewegung“ mutieren müsste? wenn ja, dann hat das doch mit einem ideal zu tun? wo gibt es einen bewegung ohne eine treibende innere kraft, eine hoffnung, eine vision eben.
mein kommentar oben sprach von christus als diesem ideal, nicht von freikirchlich-evangelikalen überzeugungen. meine vision wäre die person jesus christus … aber nicht nur als sakramentaler heilsvergewisserer, sondern als tatsächlicher gott, der weltgeschichte verändert.
aber wenn dieser gedanke, dass die kirche ihre krise nur überwinden kann, indem sie wieder eine originäre bewegung wird, falsch ist … wo seht ihr dann die beispiele oder wenigstens ansätze für eine revitalisierung toter religiosität.
oder gehen wir jetzt alle ins kloster, damit in kleinen enklaven wenigstens der same des christentums die postmoderne überlebt?
hinter der diagnose „krise“ steckt doch die vorstellung, dass es mal eine gute zeit gab, wo glaube noch etwas bedeutet hat. war das denn jemals so? – und wenn schon krise: dann gibt es diese krise seit der französischen revolution, wo der glaube aufgehört hat, als bindekraft von gesellschaft zu wirken. dann kam das zeitalter des nationalismus: die idee von „nation“ sollte fortan die zentrierende rolle spielen bis zum zusammenbruch in den kriegen des 20. jh. wie soll bitte nach einer jahrhundertelangen krise kirche und glaube einfach wieder relevanz gewinnen?
es mag sein, dass die gebilde wie kirche und gemeinde tot sind (was ich allerdings als behauptung etwas frech finde), aber was nicht tot ist sind die menschen, die nach einem gelingenden leben sehnsucht haben, nach einer erfahrung von angenommensein. und sie holen sich das! dass sie das nicht gerade in unseren gemeinden oder kirchen finden und dort nicht holen können, können wir ihnen ja schwer zum vorwurf machen. also bitte nicht gleich eingeschnappt sein und von verfall reden.
warum muss das projekt von jesus – nachdem sich seine naherwartung ja kaum erfüllt hat – denn unbedingt als bewegung oder gruppenmässig fortgeführt werden?
@Beisasse:
ich habe aus meiner Erfahrung einen Einwand: ich glaube langsam, dass das Bild von dem bible-thumping Evangelikalen nicht viel mehr ist als eine Karrikatur. Natürlich: die evangelikale „Elite“ (Pastoren, Idea-Spektrum Redakteure etc.) mag so ähnlich sein, aber ich habe gerade die „gemäßigt-evangelikalen“ Freikirchen alá FeG als hoffnungslos untheologisch erlebt. Klar, man hat seine Hauskreise, in denen man ein bisschen über die Bibel redet; aber von einer Zugehörigkeit via dogmatischen Statement ist das Gros der Mitglieder meistens weit entfernt. Da trifft dann doch schon eher die Zugehörigkeit via Ethik, was da heißen soll via Gottesdienstbesuch, Zustimmung zu zentralen moralischen Prinzipien und via Mittelstandslebensstil.
Ich finde den Punkt mit dem Sakrament hervorragend. Zugehörigkeit macht sich nicht an Vision oder Ethik fest, zugehörig ist, wer den Heiligen Raum der Liturgie betritt und sich in diesem öffnet. Vielleicht klingt das etwas archaisch aber es ist meines erachtens besser.
Sehr lebendig hier, schön!
Habe allerdings gemerkt, dass ich kaum noch zusammen bekomme, wem es worum geht. Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung, hoffe ich treffe den Punkt.
@Kerstin schlägt vor, die eigene Biographie nach Punkten zu befragen, an denen man Gnade „verändernd“ erlebt hat und dies für die Umsetzung fruchtbar zu machen.
@beisasse sieht bei den Evangelischen auch den Hang zur „Überzeugungszugehörigkeit“ (das richtige Bekenntnis zählt). Abweichung von Ethik und Bekenntnis werden mit Sanktion bestraft, Rituale können solche Abweichungen besser integrieren.
@Christoph ist skeptisch was Zugehörigkeit durch Rituale angeht. Ist in den Großkirchen die Teilnahme am Ritual nicht Alibi für echte Zugehörigkeit? Stattdessen sollten wir Kirche als eine Bewegung denken, in deren Mitte Christus und seine Vision vom Reich Gottes steht.
@beisasse (2) sieht hier die Gefahr der Ideologie: Alle scharen sich um eine Überzeugung. Rituale illustrieren dann nur die Überzeugung. Damit ist ihre Chance verpasst.
@alexkupsch sieht das gleiche Problem: Wenn das Sakrament nur den inneren Glauben veranschaulicht, ist es nicht fähig mehr zu geben, als schon in uns ist. Lebendige Kirchen leben von der Erfahrung der lebendigen Realität Christi – wo aber wird die im freikirchlichen Setting dann anschaulich, wenn nicht im Sakrament?
@Christoph (2) stellt klar, dass der Ursprung der Vision natürlich Christus selbst sein muss. Aber ohne Vision keine Bewegung und dann auch keine Überwindung der gegenwärtigen Krise der erstarrten Kirche.
@beisasse (3) stellt die Krisendiagnose in Frage. Wenn Krise, dann dauert die schon über 200 Jahre und ist kaum überhaupt schnell zu überwinden. Braucht man überhaupt eine kirchliche Struktur, um Jesu Vision zu leben?
@arnachie erfährt evangelikale Freikirchlicher kaum als „Rechtgläubige“, eher als theologisch oberflächlich. Zugehörigkeit als tatsächlich eher über Ethik als über Bekenntnis. Ihm gefällt der Gedanke einer Zugehörigkeit durch das Eintreten in den Raum der Liturgie.
@alex gute zusammenfassung
@beisasse … ich glaub, die krise ist schon älter. das ding hat schon konstantin verbockt. ob es ohne bewegung oder gruppe geht müsste sich aus der antwort auf die frage ergeben, was jesus mit dem „reich gottes“ meinte.
@anarchie … stimme dir zu, was das untheologisch-sein angeht. die richtige guten denker kommen eher nicht aus meinen reihen. manchmal allerdings frage ich mich, was an der sache mit dem glauben so kompliziert ist, dass wir es immer noch nicht verstanden haben. der urheber der sache war ein handwerker aus der provinz. so kompliziert kann das alles doch gar nicht sein.
liebe anarchie, na, deine treffsichere beschreibung ist ja auch nicht viel schmeichelhafter :-) vor allem das stichwort mittelstands-lebensstil blieb bei mir hängen. stimmt, die leute halten ihren mittelstand-lebensstil mit ordentichem beruf, frau und mindestens zwei kindern, in den gottesdienst gehen und vielleicht auch noch hauskreis etc. irgendwie diffus für die richtige weise jesus nachzufolgen.
auf konstantin einzuhauen vermerke ich jetzt mal unter angelernten freikirchlichen dauerreflex – obwohl: ist denn die sehnsucht, dass glaube wieder relevanz gewinnt nicht auch ein wunsch nach einer neuen monopolstellung von glaube und gemeinde in der gesellschaft?
damit ich endlich mal auf die fragen am schluss von alex’ eintrag eingehe: „anfassbare gnade“ ist – so hoffen und glauben wir immer von neuem – in der feier der eucharistie zu erfahren. inzwischen kann ich auch sagen, dass es für mich auch gar nichts mit der „ästhetik“ oder der „umsetzung“ zu tun hat. ich kann mich vielleicht noch so doll über irgendwas äusserliches in der messe aufregen, aber immer weiss ich: christus will hier anwesend sein. (und diese hoffnung gibt es wahrscheinlich auch nur, weil wir der form auch etwas zutrauen, so gebrechlich und zweifelhaft sie auch sein mag.)