Diese gute Frage stellte kürzlich jemand in der Dran (christliche Zeitschrift). Zur Erinnerung der Text aus dem Markusevangelium, Kapitel 11:
12 Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger.
13 Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte.
14 Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es.
15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um
16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug.
17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.
18 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren.
19 Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt.
20 Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war.
21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.
22 Jesus sagte zu ihnen: Ihr müsst Glauben an Gott haben.
23 Amen, das sage ich euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen.
24 Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.
Also, mir fiel spontan keine Antwort ein. Besonders rätselhaft finde ich die Reaktion auf den Hinweis von Petrus in 21-23. Was hat das Verfluchen von Feigenbäumen mit einem bergeversetzenden Glauben zu tun? Und hatte Jesus nichts besseres zu tun, als Feigenbäume unfruchtbar zu machen? War Jesus manchmal so schlecht drauf, dass er seinem Ärger durch zornige Flüche Ausdruck verliehen hat?
Dann las ich heute in meinem frisch angekommenen Exemplar von N.T. Wrights Jesus and the Victory of God einen ganz interessanten Absatz zu dem Thema und habe das dann in Wrights Markus-Kommentar nochmal nachgesehen. Er erklärt das ungefähr so:
Die Geschichte vom verfluchten Feigenbaum ist 1) die Rahmung der Geschichte von der Tempelreinigung (A „Feigenbaum I“, Verse 12-14; B „Tempelreinigung“ Verse 15-19; A „Feigenbaum II“ Verse 20-24) und muss 2) als eine Art Live-Performance-Gleichnis verstanden werden. Als rahmendes Gleichnis verdeutlicht es die Bedeutung der Tempelreinigung in der Mitte des Abschnitts. Feigenbaum und Tempel hängen also ganz eng zusammen und sind nicht zwei Ereignisse, die zufällig in ein paar Versen nebeneinander stehen.
Erkenntnis 1: Die Feigenbaumgeschichte erzählt nicht eine nette (oder nicht so nette) private Episode aus dem manchmal etwas stressigen Alltag von Jesus als Wanderprediger, der manchmal so Hunger hatte, das er sich vor einem Obstbaum vergaß. Die Geschichte ist vielmehr eine Art Predigt, die das Ereignis der Tempelreinigung „auslegt“. Aber wie?
Wer N.T. Wright ein wenig kennt, weiß, dass er das Wirken von Jesus durchgehend als eine Konkurrenz zum jüdischen Tempelkult versteht. Der Tempel stand demnach nicht mehr für die Segnung Israels mit der Gegenwart Gottes, durch die Israel zum Segen für alle Völker der Welt werden sollte. Er stand inzwischen für die Ungerechtigkeit der reichen Priesterklasse gegenüber dem einfachen Volk und für die Arroganz einer Religion, die sich für die exklusiv gesegnete hält, und sich mit Prestigeobjekten von den Nicht-Erwählten absetzen will (kommt einem als Christ auch bekannt vor).
Das sah Jesus anders und deshalb stellte er sich zu den Ausgeschlossenen und Randfiguren – und kündigte dieser Art von Religion Gericht an. Im Fokus stand dabei der Tempel. So versteht Wright die Tempelreinigung nicht allein als Kampfansage gegen die Verkommerzialisierung der Religion, sondern noch weitergehend: Als Gerichtsankündigung gegen religiöse Arroganz und unbarmherzige Exklusivitätsansprüche.
Und so lässt sich vielleicht die Feigenbaumszene deuten: Wie der Feigenbaum dem hungrigen Wanderer keine Früchte bietet, so hat der Tempel in Jerusalem die Kraft verloren, den Gotteshungrigen Seine Gegenwart zu vermitteln. Deshalb hat die alte religiöse Klasse und ihr System ausgedient – Jesus zeigt seinen Jüngern einen neuen Weg und kündigt dem alten Gericht an (starker Tobak finde ich).
Bleibt noch die kryptische Antwort mit dem bergeversetzenden Glauben. Wright schlägt vor, hier nicht an irgendeinen Berg, sondern kontextgetreu, an den Tempelberg zu denken. Offen bleibt für mich dann allerdings die Bedeutung von Vers 24 – da klingt doch eher was anderes an.
Aber immerhin – der Zusammenhang von Feigenbaum und Tempelkritik wirft ein neues Licht auf die Szene, oder? Und wäre es nicht faszinierend, ausgerechnet in derjenigen Geschichte, die uns scheinbar einen launischen Gott zeigt, der willkürlich Heil oder Unheil verteilt, ausgerechnet in dieser Geschichte den Gott zu treffen, der sich den Menschen – gerade den Schwachen und Unfähigen – zuwendet?



Danke!
Hi Alex,
danke für Deine Gedanken zum Feigenbaum. Haben mich inspiriert und werde kommenden Sonntag darüber predigen. Bin in der Wuppertaler Studienbibel auf folgenden Kommentar zu Mk 11,24 „Alles was ihr bittet und erfleht,…..“ gestossen:
„Nur unter der Voraussetzung, daß das Wort an den Berg ein Wort wider den Berg ist, ist zu verstehen, was Markus hinzufügt. Mt 21,22 und Mk 11,24 dürfen nicht vorschnell verallgemeinert werden als handle es sich um eine Zusage für alle gläubigen Bitten. Es handelt sich nicht um Fürbitten, sondern um Widerbitten. Die Dinge liegen hier ebenso wie Mt. 18,19-20: Auch dort ist nicht allgemein von Bitten die Rede, die erhört werden sollen, sondern vom Binden und Lösen, von der Gemeindezucht. Wenn wider ein hartnäckig widerspenstiges Gemeindeglied bindend gebetet wird, so soll diese Bitte ebenso Erhörung finden, wie auch für den Reuigen lösend gebetet wird. An unserer Stelle ist aber nur von Widerbitte die Rede. In der Zusage der Erhörung liegt aber eine große Versuchung… Man kann versucht sein zum Fluch zu greifen, wenn man gekränkt ist, wenn man Unrecht erlitten hat und die Macht glaubenden Widergebets mißbrauchen, um sich zu rächen. Darum sagt Jesus: Wenn ihr meine Jünger, Veranlassung zum Widergebet habt, dann schafft durch ein wirkliches Vergeben zuvor das hinweg, was ihr persönlich gegen jemand habt. Nur so könnt ihr selber der Vergebung gewiß sein, nur so kann euer Widergebet wirklich ein glaubendes sein.“
Das hat für mich diesen kühnen Vers etwas griffiger gemacht und ich frage, mich wie und wann ein solches Gebet im Gemeindeleben Anwendung finden muss.
Herzliche Grüße auch an Tine
Jochen
hallo, die interpretation ist ganz schön.
vielleicht illustriert die geschichte aber auch, wie jesus nervös wird ob der ihm auferlegten aufgabe?
Der feigenbaum( Israel) ist 3 Jahre vom Gärtner (Jessus) gepflegt worden. Er hat keine Früchte angesetzt. Nach 2000 Jahren ist er wieder grün geworden(Israel wieder auferstanden). Das soll uns ein Zeichen sein.(Kirchenleuten,Pfarrern, Kirchbesucher, Bibellesern.
Danke: Lucas