Hin und wieder überkommt mich ein eigenartiges Gefühl bei evangelistischen Predigten. Irgendetwas kommt mir dann daran ganz falsch vor und ich bin mir fast sicher, dass die meisten Ziel-Hörer sich eher befremdet oder abgelehnt als eingeladen und angesprochen fühlen. So erging es mir vor einigen Wochen, als ich eine Weihnachtspredigt hörte. Das Fazit war in etwa: “Weihnachten ist ein christliches Fest! An Weihnachten darf nur derjenige sich wirklich freuen, der im Kind in der Krippe den Messias erkannt hat. Alles andere ist Feiertags-Kitsch. Also, nimm Jesus heute als deinen Herrn und Heiland an! Ansonsten…” Ich wollte nur raus. Warum?
Zugleich kommt es hin und wieder vor, dass ich zu unserer Art der Predigt in der CityChurch ein Feedback höre wie: “Die Verkündigung ist aber nicht wirklich klar. Wann wird hier über Hölle und Verdammnis gesprochen? Wo bleibt die ermahnende, die andere Seite?”
Glaube ich, dass Weihnachten ohne Jesus im Prinzip Feiertagskitsch ist? Ja. Glaube ich, dass zum Glauben an den christlichen Gott auch der Anspruch, die Herausforderung, die Ermahnung gehört? Ja, doch.
Warum widerstrebt mir dann eine gewisse Art der evangelistischen Predigt? Ich glaube, ich bin meinem Unbehagen mit der Unterscheidung von “Erweckung” und “Mission” ein wenig auf die Spur gekommen. Sie basiert auf der Frage nach dem Hörer der Predigt.
a) Erweckung: Ich rechne mit einem im Prinzip christlich geprägten Hörer. Mein Gegenüber ist ansprechbar auf etwas, das ihm eigentlich klar ist. Eigentlich glaubt er: Mein Leben kommt von Gott und geht zu Gott, ich verdanke mich Gott und muss mich irgendwann auch vor Gott verantworten. Ich mache Fehler (Sünde), habe also ein Problem und weiß eigentlich, dass die Lösung Jesus heißt. Vielleicht brauche ich deshalb einen aufweckenden Tritt in den Hintern, der mich aus meiner Lethargie reißt und mich das tun lässt, was ich eigentlich glaube.
b) Mission: Ich rechne mit einem kaum oder gar nicht christlich geprägten Hörer. Mein Gegenüber ist offen aber anderer Überzeugung als ich. Sünde? Nicht mein Problem und das lasse ich mir auch nicht in den nächsten 10 Minuten einreden. Gott? Vielleicht, aber erstmal nach meinen Spielregeln. Jesus? Interessant aber unbekannt. Kommt mir der Prediger mit Lehrerattitüde? Danke, die Schulzeit habe ich hinter mir, jetzt suche ich mir aus, wer mich anpelzt.
Hörer b) bringt also nicht den gleichen Resonanzraum mit wie Hörer a). Und wenn das Echo ausbleibt ist es vielleicht hilfreicher mehr hinzuhören als noch lauter zu schreien. Fehlt der alte Resonanzraum, muss man eben neuen finden.
Meiner Wahrnehmung nach befinden sich in unserer Umgebung die meisten Leute in Gruppe b). Fragt sich also, ob die “erweckliche” Predigt noch so viel Sinn macht. Wer sich nach der Höllen-Predigt sehnt, der muss sich fragen lassen: Macht es Sinn, jemandem etwas anzudrohen, an das er gar nicht glaubt? Zur Zeit der klassischen Erweckungen waren Hölle und Verdammnis noch “common sense” im Volk und deshalb zumindest ein effektives pädagogisches Mittel. Das hat sich ziemlich geändert. Ich kann natürlich darauf bestehen, darf mich dann aber nicht wundern, wenn ich am Großteil vorbeirede.
Wie aber sieht Evangelisation im missionarischen Setting aus? Die Missionstheologie hat hierzu viele Erkenntnisse gewonnen. Wahrscheinlich wird deshalb in der emergenten Diskussion gerne Missionstheologie gelesen, wie z.B. Lesslie Newbigin und David Bosch.
Einer der wesentlichsten Paradigmenwechsel der emerging church ist vielleicht, die eigene, westliche Situation nicht mehr als Erweckungs- sondern als Missions-Situation wahrzunehmen und deshalb konsequent die Erkenntnisse der Missionstheologie für unsere Gemeinden fruchtbar zu machen. Und da ist doch noch viel spannende Arbeit zu tun…



Ich finde, die Unterscheidung bringt es gut auf den Punkt. Fast alle “missionarischen” Aktivitäten sind eiegntlich eher auf erweckung ausgerichtet.
Und denen, die immer gern “Klartext” hören möchten, sollte man eben öfter mal sagen, dass man deshalb, weil man irgendwann mal Jesus angenommen hat, deswegen noch lange nicht eine Himmelsgarantie hat. Wer Jesus angenommen hat, aber das nicht umsetzt (sozial! ja, ja!), ist nach Mt. 25 verlorener als irgendwer sonst. Das ist doch wohl Klartext genug? Müsste doch eigentlich auch erwecklich im guten Sinn sein.
Hey Alex,
ich stimme dir in deinen Gedanken zu und finde deine Erklärung wirklich hilfreich.
In der Jugendarbeit geht es eigentlich genauso, irgenwie denke ich immer mehr darüber nach wie da praktisch und kreativ die Predigt aussehen kann, oder wie Predigt generell definiert werden muss
Sehr gute und hilfreiche Unterscheidung. Ich rede durchaus hier und da von der Hölle, aber ich komme dann tendenziell eher von der Hölle auf Erden her, die auch der nicht christlich sozialisierte Mensch von heute kennt, wenn er die Augen aufmacht. Ähnlich wie beim Reich Gottes, das auch bereits hier beginnt und in der Ewigkeit mündet verhält es sich meines Erachtens mit der Hölle, die wir uns selber machen - diese Herangehensweise scheint mir hilfreich. Aber offen bleibt die Frage, weil eine wirklich neue Situation in Europa - wie verkündigen und handeln wir wirklich missionarisch? Und nicht erwecklich? Gegenüber vermeintlich entmythologisierten Menschen.. spannend.
die gute unterscheidung sehe ich auch, und die beschreibung “mein gegenüber ist offen aber anderer überzeugung als ich” trifft den kern.
evangelisation im missionarischen setting, da kann ich mich nicht kompetent äussern. wogegen ich mich derzeit aber konsequent wehre, ist die einnebelung der menschen anderer überzeugung mit pseudowissenschaftlichen techniken, wie das etwa der oxford-professor und bestsellerautor richard dawkins völlig ungeniert tut.
ich denke, es kann nicht schaden, den atheisten und agnostikern des 21. jahrhunderts zu zeigen, dass ein christ mit einem aufgeklärten glaubensleben diesem theaternebel durchaus etwas entgegenzusetzen hat!
Die Unterscheidung gut getroffen und sehr hilfreich. Aber wirkt eine Predigt wirklich abstoßend, weil sie an den falschen Hörer gerichtet ist? Ich habe schon sowohl sehr gute erweckliche als auch sehr gute missionarische Predigten gehört, aber auch sehr schlechte Predigten beiderseits.
Sowohl dem Ungläubigen als auch dem unerweckten Hörer wird es kaum zu Jesus hinziehen, wenn ihm Feiertagskitsch nachgesagt oder angedroht wird. Aber beide würden evtl aufhörchen, wenn man sie einlädt, an der leben- und weltbewegenden Geschichte, die dahinter steckt, teilzunehmen. Hörer a) ist das natürlich viel kompakter vermittelbar als Hörer b).
Herausforderung oder Drohung machen in missionarischen Kontext zwar nicht viel Sinn, aber wirken sie (auf dich/ auf uns) wirklich so abstoßend? Oder wirken sie abstoßend, wenn sie nicht von der Liebe geprägt sind? Gut, ich bin mir nicht sicher, ob es heute noch Leute gibt, die liebevoll drohen können … aber für möglich halte ich es schon. :-)
Vielen Dank für die netten Kommentare.
Hervorragender Punkt, Achim! Unabhängig von den Hörern gibt es ja schlechte und gute Predigten.
Genau die Frage mit dem “liebevoll drohen” finde ich spannend - denn das passiert ja im Neuen Testament nicht selten! Ich glaube solche Leute gibt es, ich kenne ein-zwei, die das durch ihre Lebenserfahrung und Vertrauenswürdigkeit auch bringen können. Aber die kenne ich auch schon über längere Zeit, das ist dabei vielleicht auch nicht unwichtig.