Um hier nicht völliges Schweigen einkehren zu lassen, weise ich zwischen zwei Griechischvokabeln mal auf ein mir bisher völlig unbekanntes aber sehr spannendes Buch hin, auf das ich gestern gestoßen bin. Es heißt (wie die Überschrift dieses Beitrags sanft andeutet) Der Gotteskomplex, ist aus dem Jahr 1979 und von dem Psychoanalytiker und Philosophen Horst E. Richter. Drauf gekommen bin ich durch einen Radiovortrag auf SWR2 während der üblichen sonntagabendlichen Pendelfahrt zwischen Würzburg und Tübingen.
Die Grundthese des Buchs geht ungefähr so: Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit verändert sich im europäischen Raum das Verhältnis zwischen Mensch und Gott – und zwar insofern, als der Mensch sich nicht mehr bei seinem Gott geborgen fühlt. Seine eigene Unsicherheit und Abhängigkeit kompensiert er von nun ab durch die schrittweise Übernahme der Gottesrolle. Der neuzeitliche Mensch wird selbst Gott, weil er so seine fundamentale Abhängigkeit und Schwachheit verdrängen kann. Dieser Gotteskomplex äußert sich sowohl in philosophischen Systemen als auch im praktischen Projekt der naturwissenschaftlich-technischen Naturbeherrschung. Zitat:
„Der lange Zeit als großartige Selbstbefreiung gepriesene Schritt des mittelalterlichen Menschen in die Neuzeit war im Grunde eine neurotische Flucht aus narzißtischer Ohnmacht in die Illusion narzißtischer Allmacht.“
Die Moderne als Neurose? Nicht schlecht…
Was mich sehr interessieren würde: Hat irgendjemand schon mal was von diesem Buch gehört? Scheint eigentlich sowas wie ein Knüller und Standardding zu sein, mir bisher aber vollends unbekannt…




[...] Vom Denken zum Handeln, sonst wird’s auch gefährlich fürs Denken! Sagt Richter so: “Wenn man im Machen nicht das anwendet, was man erkannt hat, kann man schließlich auch [...]