Bin gestern durch eine Vorlesung auf die anglikanische Oxford-Bewegung um John Henry Newman (19. Jh.) gestoßen worden und habe da, im Zusammenhang mit den Konversionen vom anglikanischen bzw. protestantischen zum römisch-katholischen Glauben einige sehr interessante Stichworte aufgeschnappt. Warum waren Protestanten in der ersten Hälfte des 19. Jh. vom katholischen Glauben fasziniert? Er schien Sinnlichkeit statt reine Rationalität zu bringen, satte Visualität statt dünner Worte, Anfassbarkeit statt Abstraktion, Sinn für Schönheit und Kunst statt spartanischer Kirchenräume, Tradition und Liturgie, den langen Strom der christlichen Glaubensväter usw. usw.
Hat man doch irgendwo schon gehört… Wir hatten die Diskussion, inwiefern Postmoderne und die romantische Epoche zu Beginn des 19. Jh. miteinander korrespondieren hier ja schon einmal: Siehe Postmoderne anno 1815? Damit sei auch nochmals auf den wirklich interessanten Post von Karl zu dem Thema verwiesen.
Für mich offene Fragen: Welche Parallelen zwischen Romantik und dem, was die emerging-church-Bewegung Postmoderne nennt, gibt es tatsächlich? Was bedeuten diese Parallelen? Lässt sich, wie Karl vorschlägt, eine “pendelartige romantische Postmoderne” von einer “langfristigen Postmoderne” unterscheiden? Können wir bei Romantikern Anregungen für theologische Fragen unserer Zeit finden? Wie haben die Romantiker, die ja bereits die Krise der modernen Subjektivität thematisierten (wenn sie sie auch gleichzeitig vorantrieben, komplex, komplex), sich das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Individuum vorgestellt? (Siehe Anarchies aktuelle Reihe über Stanley Grenz’ The Social God) Bedeuten Romantik und Postmoderne notwendig Hyperindividualismus? Oder gibt es da Wege zu einer Überwindung der “Ich-Mir-Mein”-Welt? Hm…



Das sind sehr gute Fragen und ich hab sie mir selbst schon gestellt. Zuerst muss man vielleicht sagen: es wäre falsch, wenn man von der Romantik als einen sehr kurzen Trend reden würde; die Romantik hat uns sehr tief beeinflusst. Ohne diese erste Jugendbewegung wären nahezu alle heutigen jugendlichen Subkulturen undenkbar.
Ich denke, dieser Protest gegen die Aufklärung wird schon durch die Romantik (via Nietzsche) in die Diskussion gekommen sein. Dennoch stand romantische Philosophie (besonders der deutsche Idealismus) erstaunlich stark in der Tradition Kants. Das Bild war ja: die Unendlichkeit schimmert durch das Endliche durch; man sprach von Weltgeist und solchen Dingen. Diese Begriffe und Konzepte sind zumindest in postmoderener Philosophie kaum zu finden.
Ich glaube als möglicherweise “kurzen Trend” wollte Karl nur die “postmoderne Romantik” bezeichnen, nicht die Romantik zu Beginn des 19. Jh., oder?
Grundsätzlich gehe ich als Literaturwissenschaftler übrigens eher von romantischer Literatur aus, wenn ich “Romantik” sage, als von sog. romantischer Philosophie (sprich Idealismus).
Und da ist die Frage doch ein wenig offener, was mögliche Pluralitätskonzepte angeht. Beispiel: Die “Erfindung” der Multiperspektivik in E.T.A. Hoffmanns Erzählungen, also die Aufsprengung einer einheitlichen auktorialen Erzählersicht zu Gunsten einer vielheitlichen personalen Sicht auf die Handlung. Wobei das natürlich Akzente sind, keine radikale Weltanschauung im Sinne der Postmoderne, schon klar. Frage halt: Wo gibt es da Anschlussmöglichkeiten? Sehe die (literarische) Romantik schon als eine Form der Krisenbewältigung, die einige interessante Parallelen zu unserer heutigen Situation aufweist.
Nun, selbst wenn die Romantik bis heute nachwirkt, so ist sie doch im Vergleich zum Metarahmen “Neuzeit” ein eher kurzzeitger Trend. Die Epoche der Romantik wird in der Regel von 1790-1850 angegeben. Und damit ist diese Epoche viel kurzfristiger als eben die Neuzeit. Nachwirkungen haben auch andere Epochen, mehr oder minder. Aber man muss halt zwischen der Epoche an sich und den Spätausläufern einer Epoche unterscheiden.
Für mich ist die Gleichung in diesem Sinne dann
“Neuzeit” = “Postmoderne” = langfristiger Trend über Jahrhunderte.
“Romantik” = “Postmoderne Romantik” = kurzfristiger Trend über einige Jahrzehnte.
Die langfrisitgen Trends kennzeichnen sich durch einige wenige aber dafür fundamentale Kernaxiome, die dann auch starken Einfluss auf die kurzfristigen Trends haben. Solange z.b. kein neuer Ansatz zur Überwindung des Wahrheitspluralismus gefunden wird, der allgemein akzeptiert wird, bleibt die Postmoderne bestehen. Ob nun also “Spassgesellschaft” oder “postmoderne Romantik” oder “neue Ernsthaftigkeit” oder wie man verschiedene Trends nun nennen mag, sie alle bleiben dennoch dem postmodernen Grundparadigma unterworfen. Wenn aber nun z.B. von einigen das Ende der Spassgesellschaft ausgerufen wird, heißt das nicht, dass damit die Postmoderne erledigt wäre. Das kann nur denken, der PoMo und Spassgesellschaft gleichsetzt.
@Ronny: mein Wissen über die literaturgeschichte beschränkt sich leider vor allem auf Schulliteratur. Mich würde es interessieren, mer darüber zu erfahren.
Aber so ein Satz wie “Man stirbt doch nicht im dritten Akt” ist natürlich etwas, was man genau in der Postmoderne auch vermuten könnte. Von daher: die Ästhetik hat sicher große Ähnlichkeiten.
@kapeka:
ja so kann ich das nachvollziehen. Wenn du Spassgemeinschaft und solche Dinge nennst: das sind natürlich nur vorübergehende Trends; wenn sie nicht nur Konstrukte eines bestimmten konvervativen Diskurses sind.
Oh sorry. Man sollte nie zwei Posts nebeneinander in verschiedenen Tabs schreiben. Ich mein natürlich Alexs nicht Ronny. Sorry.
Für mich liegt der Unterschied darin, dass die Romantik ein Zurück zum Gefühl gegenüber einem dürren Rationalismus wollte. Die Postmoderne dagegen hat zwar auch diese Seite, aber in der Denkonstruktion moderner absoluter Gewissheiten geht sie über einen einfachen Pendelschlag hinaus. So wie wir nicht hinter die Aufklärung zurück kommen, so kommen wir nicht mehr hinter die Relativierung moderner Mythen von Objektivität zurück. Und das ist eben mehr als nur Romantik.
Hm, Peter, du setzt jetzt aber wieder “Postmoderne” und “Romantik” gleich und das möchte ich z.b. eher nicht. Deshalb auch meine Gleichung oben. In meinen Augen vergleicht man da zwei verschiedene Ebenen miteinander. Deshalb rede ich lieber von “Postmoderne” als dem langfristigen Trend, den du beschreibst, und “Postmoderner Romantik”, als dem kurzfristigen Trend, den ich in der momentanen Zeit verstärkt sehe und der parallel zur Romantik ist, nur unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich akzeptanz der Pluralität gegenüber einem “sehen” der Pluralität verbunden mit dem Wunsch nach einem zurück zur Uniformität in der Romantik.