Wie oft hat man das nicht schon gehört: „Wir brauchen mehr Übernatürliches in unseren Gemeinden“? Gemeint sind damit für gewöhnlich die sog. ‘übernatürlichen Gaben’: Sprachengebet, Heilungen, Prophetie (Wundertaten werden eher selten gefordert ;)). Mitgemeint ist häufig auch die Einschätzung als besonders ‘geistliche’ Gaben; sind sie nicht viel direkter mit Gott verbunden, viel unabhängiger von uns fehlerhaften Menschen? Sind sie nicht Gottes Eingreifen direkt in unser Leben?
Was mich seit einiger Zeit beschäftigt ist der Punkt, dass in der ganzen Bibel niemals die Rede ist von ‘übernatürlichen’ Gaben oder Übernatürlichem überhaupt. Warum nur? Könnte es sein, dass bspw. die prophetische Rede in neutestamentlichen Gemeinden überhaupt nicht als übernatürlich, sondern ganz und gar als natürlich angesehen wurde? Vielleicht sogar als so natürlich und normal, dass Paulus auffordern musste, danach zu streben?
Könnte es sein, dass wir die moderne Kluft zwischen Natürlichem und Übernatürlichem durch die Forderung nach „mehr Übernatürlichem“ eher bestätigen als überbrücken? Was wäre, wenn wir die sog. übernatürlichen Gaben mehr und mehr als ganz natürliche Gaben verstehen lernten? Als Gaben, die so selbstverständlich und unprätentiös in unseren Gemeindealltag gehören wie auch die Lehre, die Leitung, der Glauben, das Helfen? Könnten wir dann mehr und mehr Respekt für die „nur“ natürlichen Gaben gewinnen und mehr und mehr Hysterie und Furcht vor den ‘über-natürlichen’ verlieren?
Wenn die ‘übernatürlichen’ Gaben von ihrem zweifelhaften Thron heruntergeholt würden, wüchse vielleicht auch ein gesundes Verständnis ihrer menschlichen Seite. Wer erwartet schon, dass eine Predigt ungetrübt Gottes autoritative Meinung bringt – obwohl es doch um Gottes Wort geht, oder? Warum dann bei prophetischer Rede?
Ein solcher Ansatz könnte helfen, nüchtern und charismatisch radikal zugleich zu sein: Nichts ist normaler als die ‘übernatürlichen’ Gaben…




Guter Gedanke. Ich denke, dass hilft gerade auch den Menschen, die hier skeptisch und vorsichtig sind. Beispiel: Wenn ich zu jemandem einfach hingehe und ihm etwas Aufbauendes, Persönliches für seine Zukunft sage, hat es einen ganz anderen Touch als wenn ich mich hinstelle und von der Bühne herunter eine Prophetie verkünde, die mir soeben übernatürlich eingegeben wurde. Als ich 16 war, hat mir eine Frau in Amerika gesagt, dass sie glaubt, dass Gott etwas ganz Besonderes mit mir vor hat. Das hat sie nicht viel gekostet, sie hat einfach weitergegeben, was sie in der Situation [ein Streitgespräch :-)] so empfunden hat – ich erinnere mich noch 10 Jahre später an diesen Satz und er bedeutet mir viel.