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Marlins engagierter Beitrag zum “Ende der Emerging Church” hat erwartungsgemäß eine lebendige Diskussion ausgelöst. Vielen Dank dafür, mir hat der Artikel bei der Reflexion geholfen! Zwei Punkte aus Marlins Beitrag möchte ich aufgreifen, die mir grundsätzlich und der Diskussion wert wie offenbar sehr nötig zu sein scheinen, weil sie immer neu (und nicht nur im Bereich EC auftauchen):

1. Kritik und Konstruktion

Marlin hat angemerkt, dass er in der emergenten Diskussion zwar viel Kritik an Bisherigem wahrgenommen, aber wenig positive, konstruktive Vorschläge gesehen hat. Da ist meiner Meinung nach tatsächlich etwas dran. Es hat viel Abgrenzung gegeben, manchmal vielleicht auch scharf an der Grenze zur Selbstgerechtigkeit. Wer kritisch denkt, muss sich dieser Gefahr bewusst sein. Zugleich hat es aber doch auch zahlreiche – theoretische wie ganz praktische (dazu gleich) – Neuvorschläge gegeben. Ich bin dafür, hier jedem “seine” Zeit (Prediger 3!) zu geben. Davon abgesehen denke ich aber nicht, dass hier positive Vorschläge eine Kritik “ablösen” sollten, sondern dass mit EC für so manchen vielleicht der Prozess begonnen hat, in Zukunft jede Praxis (auch vermeintlich “emergente” und “missionale”) reflektierend zu begleiten. Was zum zweiten Punkt führt…

2. Theorie vs. Praxis

Im Gegensatz zu Marlin halte ich es nicht für richtig oder wichtig, von der Theorie endlich in die Praxis überzugehen. Landläufig begegnet diese Reihenfolge (erst das eine, dann das andere) zwar häufig und mag für die alltägliche Verständigung auch sinnvoll sein. Doch bei genauerem Hinsehen muss man m.E. feststellen: Theorie ist eine Praxis. Wer Theorie betreibt, tut etwas. Das kann man schlecht machen. Dann wird man es vielleicht “zu theoretisch” oder “zu philosophisch” nennen und meinen, dass hier einer von etwas spricht, von dem er eigentlich keine gute Kenntnis hat oder seine Kenntnisse nicht gut zu kommunizieren weiß. Das ändert jedoch nichts an der Grundfeststellung: Wer nachdenkt, tut etwas. Theorie ist eine Form der Praxis und ohne diese Form der Praxis, so meine Überzeugung, werden auch die anderen Formen der Praxis auf Dauer uninspiriert und starr.

EC bisher “zu philosophisch”? Vielleicht manchmal im Denken noch zu ungenau, zu beliebig, zu groß und selbstüberschätzend (neue Reformation? Bitte!). Aber das Gegenteil von “schlechter Theorie” ist nicht “Praxis” – sondern “gute Theorie”. Auf geht’s…

Apokrypher Worship

Es gibt gute Gründe, weshalb es manche Texte nicht in den neutestamentlichen Kanon geschafft haben. Eine Liturgie nach ThomasEvangelium 37 will man sich eigentlich nicht einmal vorstellen:

Seine Jünger sprachen: Wann wirst du uns erscheinen? Jesus sprach: Wenn ihr euch entkleidet (…) und nehmt eure Kleider und legt sie unter eure Füße wie kleine Kinder und trampelt darauf, dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen, und ihr werdet euch nicht fürchten.

Wir gedenken der Alten Kirche und ihrer Kanonbildung in Dankbarkeit…

Theologisch völlig unsauber ist folgende kleine Aktualisierung von Röm 2,17-29 auf Basis der Guten Nachricht. Warum sie theologisch unzureichend ist, könnte man bei Interesse in den Kommentaren diskutieren – warum sie trotzdem irgendwie passt, gerne auch:

Wie steht es denn mit euch Christen? Ihr führt euren Namen als Ehrennamen, ihr gründet euer Vertrauen auf die Bibel und ihr seid stolz auf eure besondere Beziehung zu Gott.

Aus der Bibel kennt ihr seinen Willen und könnt beurteilen, was in jeder Lage das Rechte ist.

Ihr wisst euch berufen, die Blinden zu führen und denen, die im Dunkeln sind, das Licht zu bringen, die Unverständigen zu erziehen und die Unwissenden zu belehren; denn mit der Bibel habt ihr in vollendeter Form alles, was der Mensch über Gott und seinen Willen wissen muss.

Ihr belehrt also andere — aber euch selbst belehrt ihr nicht. Ihr predigt: »Strebt nicht nach Geld« — und tut es selbst.

Ihr sagt: »Brecht nicht die Ehe« — und tut es selbst. Ihr verabscheut die weltlichen Dinge — und verdient sogar euer Geld damit.

Ihr seid stolz auf die Bibel; aber ihr lebt nicht danach und macht Gott Schande.

So steht es in den Heiligen Schriften: »Durch euch kommt der Name Gottes bei den Nichtchristen in Verruf.«

Auch das Christsein nützt euch nur, wenn ihr die Bibel befolgt. Wenn ihr sie übertretet, steht ihr in Wahrheit den Nichtchristen gleich.

Wenn aber nun Nichtchristen nach der Bibel leben — werden sie dann nicht von Gott den Christen gleichgestellt?

So kommt es dahin, dass Nichtchristen einst über euch Christen das Urteil sprechen werden. Solche nämlich, die nach der Bibel leben, während ihr sie nicht befolgt, obwohl ihr es schriftlich habt und Christen geworden seid.

Die wahren Christen sind die, die es innerlich sind, und wahres Christsein ist das Christsein des Herzens, das nicht im Buchstaben der Bibel geschieht, sondern durch den Geist Gottes. Christen in diesem Sinn suchen nicht den Beifall der Menschen, aber sie werden bei Gott Anerkennung finden.

Songwriter und Soul

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Zwischendurch soll hier knapp auf zwei sensationelle Alben hingewiesen werden, die auf wunderbare Weise Songwriter- und Soulmusik vereinen. Sie sind zwar nicht mehr neu, müssen aber trotzdem von dir gekauft werden, falls aus welchen Gründen auch immer noch nicht geschehen. Es handelt sich um 1. Bon Iver – For Emma Forever Ago und 2. Ron Sexsmith – Exit Strategy of the Soul.

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Bon Iver spricht ganz für sich selbst, man muss nur einmal reinhören, zum Beispiel hier. Ron Sexsmith hört sich vom Namen her fast ab 18 an, ist aber wirklich eher eine knuffige, postmoderrne Paul-McCartney-Version. Seine Stimme mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, wird aber auf “Exit Strategy”, seinem letzten Album, wunderbar durch eine Bläsergruppe ergänzt, was dieses schöne Soulfeeling ergibt. Hier kann man einen Eindruck gewinnen.

Daniel Ehniß hat auf seinem Blog die interessante Frage nach Schwächen der “emerging church” behandelt und einige sehr gute Punkte aufgeworfen. Besonders beschäftigt mich von den genannten Fragen diejenige nach der “Sprachlosigkeit” und gefühlten “Leere”, die einen befällt, sobald man aus den altbekannten Formeln und Gedankengebäuden herausfällt. Was glauben? Wie reden von Gott? Wie beten? Was singen?

Ganz wie Daniel bin ich dagegen, hier einfach aus Müdigkeit alte Vorstellungen und Gewohnheiten wieder einschnappen zu lassen. Ich sehe aber auch bei den wenigsten “emergent Interessierten” wirklich diese Gefahr – sondern eher eine andauernde Perspektivlosigkeit. Ich wünsche mir insgesamt etwas mehr Hoffnung und Erwartung, dass irgendwo tatsächlich neue “Tiefe” und “Bedeutung” des Glaubens zu finden ist.

Und ich würde auch schon solch ein “irgendwo” vorschlagen: Die Bibel. Löst bei evangelikaler Prägung möglicherweise spontan Brechreiz aus, ist aber glaube ich tatsächlich der Ort, an dem nach dem Verlassen des alten Schneckenhauses eine neue Heimat zu finden wäre. Und Derrida halte ich bestenfalls für einen Umzugshelfer. Bei aller möglichen Unterstützung in der Aufsprengung versteinerter Sicherheiten, mehr ist da auf Dauer nicht zu holen, in der differance finden wir keine Heimat. Heimat wäre aber möglicherweise wieder zu finden in einer breiteren als unserer bisherigen Tradition (Daniel nennt sie in seinem Kommentar auch) und dieser noch einmal übergeordnet und gegenüber – hier tatsächlich auch als ständiger Unruhe-Herd! – in der Schrift.

Dafür brauchen wir natürlich frische Zugänge zu den Texten, neue Perspektiven, befreite Sicht auf die Vielfalt, Spannung und Verheißung die in der Schrift liegen kann, wenn man ihr ohne die alten Korsette begegnet. Bibel kann spannend werden, wo wir die Texte auch in ihrer Fremdartigkeit, Abständigkeit, Widersprüchlichkeit kennen lernen. Wo wir die Texte nicht nur immer für uns, sondern auch gegen uns sprechen lassen – gerade auch gegen unsere Auslegungsgewohnheiten. Und so könnte sie uns in dieser lebendigen Auseinandersetzung vielleicht tatsächlich wieder Heimat werden…

Die Grundthese der “New Perspective on Paul” lautet: Luther hat Paulus mit anderen Fragen und Anliegen gelesen, als dieser selbst seine Briefe verfasst hat (z.B. den Fragen eines geplagten, spätmittelalterlichen Mönches). Hinter dieser These stehen aber, so mein Eindruck, sehr häufig Erfahrungen mit einer sozial desinteressierten Gnadentheologie: “Ich und mein ewiges Heil, was interessiert mich die Welt und ihre Probleme?”

Die evangelische Frömmigkeit mag diese Einstellung tatsächlich häufig ausgeprägt haben. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass dies mehr als eine Karikatur der Theologie Luthers darstellt. Vielmehr Luther selbst:

Wenn du aber [in den Evangelien] siehst, wie [Christus] wirkt und jedermann hilft, zu dem er kommt und der zu ihm gebracht wird, sollst du wissen, daß der Glaube solches in dir wirke und Christus deiner Seele eben diese Hilfe und Güte durchs Evangelium anbietet. Hältst du hier still und läßt dir Gutes tun (…), so hast du es gewiß, so ist Christus dein und dir als Gabe geschenkt.

Danach ist’s nötig, daß du ein Vorbild daraus machst und deinem Nächsten auch so hilfst und tust, auch ihm als Gabe und Vorbild gegeben bist. (…)

Diese zwiefachen Güter sind die zwei Stücke in Christus: Gabe und Vorbild.

(Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll, in: Luther, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, 202f.)

Ist dies einmal verstanden und ernst genommen, dass Luther – bei aller Vorordnung der Gnade – die Ethik tatsächlich und wirklich als innere Konsequenz, nicht nur als müden Wurmfortsatz der Gnade beschreibt, dann erledigt sich m.E. so manches Abgrenzungspathos zur Reformation.

Über exegetische Einzelfragen kann und soll man dann wunderbar streiten – dann aber im Bewusstsein, dass “billige Gnade” bei Luther so wenig wie bei Paulus zu haben ist.

Manchmal muss man sich etwas von der Seele schreiben: Was ich jetzt gerne lesen würde, wenn ich nicht KD lesen “müsste”:

1. Lesslie Newbigin: The Gospel in a Pluralist Society

Ich habe allen Ernstes noch nie etwas von Newbigin gelesen. Das ist natürlich kaum zu fassen und muss schnellstmöglich geändert werden. Kann ich aber gerade nicht. Also schaue ich in den Index und stelle fest, dass Newbigin 6x Barth zitiert. Ich rede mir also vorerst ein: Barth ist hier grundlegend, ohne Barth kann man Newbigin wahrscheinlich gar nicht verstehen. Newbigin ist im Letzten eigentlich eine Barth-Paraphrase! Geht doch.

2. Hans W. Frei: The Eclipse of Biblical Narrative

Das Buch ist die Grundlegung der sog. narrativen oder postliberalen Theologie. Ein Muss. Ich will es jetzt schon eine ganze Weile lesen. Kann ich aber gerade nicht. Ich stelle fest: Hans Frei hat über Barth promoviert! Ha, ein Barth-Epigone! Was soll hier stehen, was nicht schon bei Barth steht? Ich spüre einen inneren Frieden.

Was liegt bei euch schon eine Weile ganz oben auf dem Stapel?

Barths KD in einem Jahr

Seit knapp zwei Wochen befinde ich mich in einem kleinen Experiment, das da heißt: Karl Barths “Kirchliche Dogmatik” lesen. Ganz. Möglichst in einem Jahr. Knapp 3% habe ich bis jetzt geschafft. Wer Lust hat, diesen Irrsinn ein bisschen mitzuverfolgen, kann das hier (Blog) und hier (Twitter) tun.

Emergent: Neues keimt auf.

[Achtung: Folgender Beitrag ist zwar theologisch sauber, in jeder anderen Hinsicht aber etwas eklig.]

Nach einem netten und für mich irgendwie auf unaufgeregte Weise motivierenden und inspirierenden Treffen des Koordinationsteams “Emergent Deutschland” fuhr ich mit dem ICE von Kassel zurück Richtung Tübingen. Dabei erschloss sich mir an unerwartetem Örtchen noch einmal das Grundprinzip emergenter Bewegungen:

Was zuerst unscheinbar wirkt, ja einen geradezu schmutzigen und unordentlichen Eindruck macht…

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…erweist sich bei näherem Hinsehen vielleicht genau als derjenige Ort…

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…an dem Gott etwas Neues aufkeimen lassen möchte!

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Das Leben scheut sich nicht, dort zu entstehen, wo wir die Dinge manchmal gerne sauberer, ordentlicher, aufgeräumter hätten. (Gofi Müller schreibt in Zeigtgeist 2 über den frommen Knacks mit der Reinheit und Heiligkeit. Und Andi Blum fragt an gleicher Stelle, warum Jesus als Fresser und Weinsäufer beschimpft wurde, während das der Gemeinde kaum widerfährt.) Es ist eben so: Gott ist schon an Orten aktiv, die wir vielleicht nur notgedrungen aufsuchen. Jesus geht gerade dahin, wo wir ohne Grundreinigung erst gar nicht anfangen würden. Sein Geist wirkt schon jetzt, mitten in den etwas peinlichen Unvollkommenheiten. Das gilt auch für mein eigenes Leben und ist sehr tröstlich, wie ich finde. (Ich bin mir bewusst, dass ich das Klo-Bild spätestens bei der trinitarischen Explikation leicht überladen habe, aber wenn man gerade mal in Schwung ist…)

Zum Buch:

“Der Goldene Topf” ist einer der ersten literarischen Erfolge E.T.A. Hoffmanns. Goethe hat ihn auch einmal gelesen und in seinem Tagebuch festgehalten: Bekommt mir schlecht. Er hielt Hoffmanns Werke überhaupt für krankhaft, was Hoffmanns Karrierechancen in der Literaturgeschichte ziemlich ruinierte. Man liest ihn eigentlich erst nach Kafka wieder. Zum Glück, denn Hoffmann ist ein toller Märchenerzähler (das war ja in der Romantik “in”) und das merkt man im “Goldenen Topf”. Die Geschichte: Der etwas chaotische Student Anselmus schwankt hin und her zwischen der “echten” aber spießbürgerlichen Erfolgsgesellschaft und der “visionären” aber brotlosen Kunstwelt. Bei einer rätselhaften Mentorenfigur lernt er das phantastische Schreiben. Am Ende erlebt er so etwas wie eine “Himmelfahrt” in die Welt der Poesie. Manche behaupten auch, das Ende müsse man als Suizid lesen. Typisch für Hoffmann: Spannung durchs Fließende, Offene, bewusst Undeutliche (siehe Lieblingsstelle).

Warum ich es mag:

E.T.A. Hoffmann ist kein großer Sprachkünstler. Wer mal mehr als drei seiner Erzählungen gelesen hat, kann problemlos eine Strichliste seiner Lieblingsformulierungen anlegen. Worin er wirklich gut ist, das sind die irren Wechsel zwischen den Wirklichkeits- und Erzählebenen: Am Ende des “Topfes” steigt der Erzähler aus seiner Schreibstube und landet mitten in der Erzählung selbst, um dort das Erzählen zu lernen. Hoffmann ist nicht der Einzige, der das macht, aber die Unverkrampftheit und Spontaneität, mit der er es macht, lassen die Sache so lässig und unterhaltend wirken. Übrigens ist das Buch auch angenehm kurz (vgl. Zauberberg!); und das eigenartige Märchen im Märchen, also ehrlich gesagt, das kann man auch überspringen.

Lieblingsstelle:

“Der Archivarius hatte dem Studenten Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Liquor gegeben, und nun schritt er rasch von dannen, so, daß er in der tiefen Dämmerung, die unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten, und es dem Studenten Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge.”

Das Buch in einem tweet:

Armer Student lässt sich auf dubiosen Nebenjob ein. Der Chef (heimlich ein Salamander) lobt als Bonus seine Tochter und die Poesie aus.

Große Literatur, trotzdem gut.
Große Literatur, Teil 1: Der Zauberberg

10 Reasons Why Men Should Not Be Ordained. Inzwischen ein kleiner Klassiker im Netz, weil’s so schön ist auch mal auf Deutsch: 10 Gründe, weshalb Männer nicht zum Pastor ordiniert werden sollten.

10. Der Platz eines Mannes ist in der Armee.

9. Männer, die Kinder haben, könnten durch ihre Pflichten in der Kirche davon abgelenkt werden, gute Eltern zu sein.

8. Ihre physische Ausstattung zeigt, dass Männer eher für Aufgaben gemacht sind wie Bäume fällen und Löwen bekämpfen. Andere Arbeiten wären für Männer “unnatürlich”.

7. Der Mann wurde vor der Frau erschaffen. Es ist also offensichtlich, dass der Mann ein Prototyp ist. Er ist daher ein Experiment, nicht die Krone der Schöpfung.

6. Männer sind zu emotional für die Aufgabe des Pastors. Das erweist sich ganz einfach durch ihr Verhalten bei Sportveranstaltungen.

5. Manche Männer sehen gut aus; das könnte weibliche Gemeindemitglieder vom Gottesdienst ablenken.

4. Ein ordinierter Pastor muss die Gemeinde versorgen. Das ist aber keine traditionell männliche Rolle! Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch wurden Frauen für die Aufgabe der Versorgung nicht nur als fähiger angesehen, sie fühlten sich zu dieser Aufgabe auch stärker hingezogen. Frauen sind deshalb offensichtlich die bessere Wahl für die Pastorenrolle.

3. Männer neigen überaus stark zur Gewalttätigkeit. Kein wirklich männlicher Mann möchte irgendeinen Konflikt anders lösen als durch Kampf. Deshalb wären Männer sowohl schlechte Vorbilder als auch äußerst instabil in Leitungspositionen.

2. Männer können sich ja in der Gemeinde auch engagieren, ohne als Pastor ordiniert zu sein. Sie können die Gehwege fegen, das Kirchendach reparieren, Ölwechsel am Gemeindebus durchführen und möglicherweise sogar ein Lied am Vatertag aufführen. Wenn sie sich auf solch traditionell männliche Rollen beschränken, können sie sich immer noch auf sehr wertvolle Weise in die Gemeinde einbringen.

1. Nach dem Bericht des Neuen Testaments war die Person, die Jesus verriet ein Mann. Sein Mangel an Glauben und die folgende Bestrafung stehen als ein Symbol für die Unterordnung, in die sich alle Männer fügen sollten.

Zum Buch:

“Der Zauberberg” ist Thomas Manns zweiter großer Roman nach seinem Überraschungserfolg, den “Buddenbrooks” (die es immerhin auf Platz 6 bei “ZDF Die Besten – Die Lieblingsbücher der Deutschen” geschafft haben, wer soll das bitteschön gelesen haben? Nun, auf Platz 2 war die Bibel. Direkt auf die Buddenbrooks folgen “Der Medicus” und “Der Alchimist”, Thomas Mann wäre entzückt gewesen.). Er handelt von einem jungen Mann, der bei einem Krankenbesuch in einem Bergsanatorium gleich dabehalten wird. Wie sich bald herausstellt, ist das Sanatorium so etwas wie ein Mikrokosmos seiner Zeit. Mit jedem Insassen lernt die Hauptfigur (und der Leser) eine ganze Lebensphilosophie, politische Anschauung, usw. kennen. Am Ende kommt der Krieg und eine Welt geht unter.

Warum ich es mag:

Natürlich ist das Buch viel zu dick (knapp 1000 Seiten). Ich habe es erstaunlicherweise trotzdem zwei Mal ganz gelesen, obwohl ich sehr schlecht darin bin, Bücher zu Ende zu lesen. Die Handlung ist gar nicht so entscheidend (naja, Handlung: ein langweiliger Durchschnittstyp sitzt sieben Jahre auf dem Berg…). Was begeistert, ist die Kunstfertigkeit mit der Thomas Mann die Figuren und die Motivik konstruiert hat. Jede Figur steht für eine ganze Welt und so taucht man beim Lesen nebenbei in Philosophie, Politik, Musik und Geschichte ein. Und das ohne jede Langweile. Überall steckt Nietzsche drin, und Schopenhauer und Wagner und der Mynheer Peeperkorn ist angeblich durch Gerhart Hauptmann inspiriert. Aber man muss das nicht wissen, um es zu mögen. Denn wenn man sich erst mal an die langen Sätze gewöhnt hat, stellt man fest: Das ist einfach unglaublich gut geschrieben. Ich habe mal irgendwo aufgeschnappt, Thomas Mann habe sich selbst gern beim Lesen seiner Texte zugehört; so ist das auch, manchmal etwas selbstgefällig und narzisstisch, aber eben auch grandios gut.

Lieblingsstelle:

Zeitphilosophie anhand einer Suppe. “Für jetzt genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine ‘lange’ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt; es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von ‘Wiederholung’ zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man dir ewig die Suppe bringt.” (Kapitel “Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit”)

Das Buch in einem tweet:
Einer fährt auf den Berg und bleibt dann 7 Jahre oben. Dabei lernt er das Leben, die Liebe und den Tod kennen und leiht sich einen Bleistift.

Große Literatur, trotzdem gut.

Große Literatur macht keinen Spaß. Das ging mir schon im Deutschunterricht so. Ich habe dann Literaturwissenschaft studiert und konnte am Anfang nicht verstehen, warum man Goethe lesen soll, wenn John Grisham viel spannender schreibt. Inzwischen weiß ich, warum man Goethe in 100 Jahren noch lesen wird, John Grisham nicht. Trotzdem: Spaß macht mir Goethe immer noch nicht, so wie vieles, was “große Weltliteratur” heißt. Das kann viele Gründe haben, einer ist sicher, dass Kunst nicht leicht zugänglich sein muss, Unterhaltung schon. Kunst mögen kostet Arbeit (oder frühe kulturelle Konditionierung, Bonhoeffer hat mit 12 oder so Schiller-Dramen gelesen, freiwillig.) Aber hin und wieder begegnet mir ein Werk*, das mir tatsächlich Spaß macht, spontan, einfach so. Ich fand das ein interessantes Phänomen und dachte mir, daraus mache ich eine kleine Blogreihe. Kostet zwar mehr Zeit als twittern und facebooken, aber wie Thorsten erklärt hat, lohnt es sich.

Folgendes ist geplant:

  • Thomas Mann, Der Zauberberg.
  • E.T.A. Hoffmann, Der Goldene Topf.
  • Marcel Proust, In Swanns Welt.
  • Theodor Fontane, Irrungen Wirrungen.
  • Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Welche “großen Bücher” gefallen euch?

* Wenn Bücher in den Literaturkanon aufgenommen worden sind, heißen sie nicht mehr Bücher, sondern “Werke”. Will man aber im Literaturstudium zeigen, dass man zur Elite gehört, sagt man weder Buch noch Werk, sondern “der Text”.

imagesVor 125 Jahren wurde er geboren: Derjenige Theologe, den vielleicht als einzigen Theologen des 20. Jahrhunderts auch heute noch jeder evangelikale Normalchrist kennt. Und das nicht, weil man ihn liebt, sondern weil man ihn fürchtet. (Was vielleicht auch etwas über den Evangelikalismus sagt.) Aber warum eigentlich?

Ich schreibe die Tage an einer Arbeit über sein Entmythologisierungsprogramm, also die Forderung die christliche Botschaft von der antiken Weltanschauung zu trennen. Legendär sein Satz:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.

Davon abgesehen, dass ich inzwischen glaube, dass Bultmann hier in gewisser Hinsicht Recht hat (und in anderer Hinsicht auch wieder nicht), liegt mir jedenfalls daran, ein plattes Missverständnis auszuräumen: Bultmann war kein ‘Liberaler’ im landläufigen Sinne, ihm lag nicht daran, das Christentum in eine säkulare Philosophie aufzulösen. Sein Ziel war es, das Evangelium dem modernen Menschen nahe zu bringen. Bultmann war Missionar. Er hätte das zwar selbst wohl kaum  so ausgedrückt, aber wie anders soll man ihn verstehen, wenn er ausgerechnet sein Buch über die Entmythologisierung, Jesus Christus und die Mythologie, mit diesem Vorwort versieht:

Ich hoffe, daß diese Absicht deutlich wird, nämlich das Wort der Bibel für den modernen Menschen so verständlich zu machen, daß es als wirkliche Anrede gehört wird.

Man mag seine theologischen Lösungen mehr oder weniger stichhaltig finden – sein Anliegen muss man teilen.

[Disclaimer: Ich habe mich entschieden, diesen Artikel nicht-allgemeinverständlich zu schreiben. Das wäre anders zwar besser, kostet mich aber gerade zu viel Mühe. Wegen Faulheit richtet er sich deshalb zugegebenermaßen an solche Leser, die sich mit dem Thema schon etwas auskennen.]

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Ich habe heute das kleine Gemeinschaftswerk “Die Zukunft der Religion” von Richard Rorty und Gianni Vattimo zu Ende gelesen. Bei aller Bewunderung für die Gelehrtheit (und im Falle Rortys: die sympathische Lässigkeit) dieser beiden Postmoderne-Stars, frage ich mich doch, ob der vorgeschlagene Weg funktioniert. Religion hat demnach nur eine Zukunft (und mitgemeint ist wohl auch: eine Gegenwart), wenn sie ihre Situation als das Ende der Metaphysik anerkennt. Und mit Ende der Metaphysik ist gemeint: Ende der Vorstellung einer wahren Wirklichkeit (wie exakt auch immer die von Menschen zu erfassen sein mag, da gibt es ja alle philosophischen Schattierungen). Das Christentum hat auf diese Vorstellung einer Wahrheit für alle vielmehr fortan zu verzichten; Wahrheitsansprüche sind aufzugeben. Was bleibt? Die Nächstenliebe. Wo der Anspruch auf die Wahrheit und universale Gültigkeit der eigenen Weltsicht aufgegeben wird, da wird der Blick frei für den Anderen…

Frage jetzt: Funktioniert die Kiste? Bei einem Verzicht auf Wahrheitsansprüche lassen sich (so jedenfalls die Hoffnung) manche Probleme wie Religionskriege und imperialistische Missionsstrategien besser lösen. Aufzulösen scheint sich aber doch auch der Kontext für liebevolles Handeln. Was genau heißt es, den Nächsten zu lieben? Afrika Schulden erlassen und Geld schicken? Oder führt das nur in weitere Abhängigkeit vom Westen? Dann also eher sorgfältige Entwicklungshilfe, Hilfe zur Selbsthilfe. Aber halt: Wer sagt überhaupt, dass Menschen so etwas wie Unabhängigkeit und ’selbst etwas schaffen’ brauchen? Funktioniert das: Liebe ohne Wahrheitsanspruch, ohne wahres Menschenbild, wahres Geschichtsverständnis etc.??? Ich glaube: Hört sich dufte und diplomatisch an, funktioniert aber auf Dauer nicht.

(Im Übrigen kommt Vattimo selbst nicht ohne eine stramme Heilsgeschichtlichkeit aus. Die gegenwärtige Situation ist das Ende der Metaphysik und muss als solche angenommen werden; das kann sie aber nur, wenn man diese Situation als Ergebnis eines “Gesprächs” mit Gott versteht. (77) Das Ende der Metaphysik ist also selbst Heil und Sinn.)

Freue mich auf Kommentare, besonders Widerspruch.

As Time Goes By…

Sie plädierte für ein neues Selbstverständnis von Kirche; nach ihm dürfe die verfaßte Kirche sich nicht exklusiv als Ort ansehen, wo Christus ist, sondern sie solle wahrnehmen, daß auch außerhalb von ihr, mitten in der säkularisierten Gesellschaft, Kirche sei und sich um ein besseres Verhältnis zu dieser ‘latenten’ Kirche bemühen.

Das ist nicht etwa ein Ausschnitt aus einem Buch über “missionalen Gemeindebau”, sondern eine Wiedergabe des Referats “Kirche ist außerhalb der Kirche” von Dorothee Sölle auf dem Kirchentag in Köln 1965. Sölle hatte bei einer Bultmann-Schülerin studiert und vertrat eine bekenntniskritische, politische Theologie. Ihr Kirchentags-Referat war einer der Anstöße für die Gründung der innerkirchlich-evangelikalen Bekenntnisbewegung “Kein anderes Evangelium”. Wie die Zeit vergeht…

(Zitat aus: F. Jung, Die deutsche evangelikale Bewegung. Frankfurt 1992, S.93.)

Worship: Das Licht ist gedimmt, das Keyboard säuselt sanfte Töne, ergriffen heben einige die Hände. Mit Inbrunst singt man “Thank You for the Cross”, dann die Bridge mit der romantischen Zeile:

Every one of us deserves to die…

Jedes Mal schießt mir dann unweigerlich folgender Gedanke durch den Kopf, zugegebenermaßen nicht in dieser Formulierung:

Meiner Einschätzung nach liegt in der Ferne des Gedankens, so tief in die Sünde verstrickt zu sein, dass der Tod der Sündigen schon da ist oder nach eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen ansteht, ein Kern der hermeneutischen Schwierigkeit, den Sinn des Sühneopfers gegenwärtig als heilsam und als rettend anzuerkennen. (H. Kulhmann, Zur Opferkritik der feministischen Theologie, 106)

Ist doch was dran, oder?

Martin Hengel gestorben

Im Alter von 82 Jahren ist gestern der Tübinger Neutestamentler Martin Hengel gestorben. Seine bekannteste Arbeit ist das bahnbrechende Buch “Judentum und Hellenismus“, in dem er weitgehende Einflüsse des griechischen Denkens auf das jüdische schon für die Zeit Jesu nachgewiesen hat. Damit wurde die seit Adolf von Harnack stark wirkende Vorstellung, das “eigentlich jüdische” Christentum sei durch die griechische Kultur verdorben worden, nachhaltig erschüttert. Hengel war einer der wirklich weltweit bekannten Tübinger Theologen.

Das Ethos der Frage

[Der Theologe] muß die menschliche Endlichkeit, die auch seine eigene Endlichkeit ist, übernehmen, und er muß die Angst der Endlichkeit so in sich hineinnehmen, als ob er niemals die Offenbarungsantwort ‘Ewigkeit’ erhalten hätte. Er muß die menschliche Entfremdung, die auch seine eigene Entfremdung ist, übernehmen, und er muß die Angst der Schuld wieder durchleben, als ob er niemals die Offenbarungsantwort ‘Vergebung’ erhalten hätte. Der Theologe darf nicht bei der theologischen Antwort, die er verkündet, verharren. Er kann sie in überzeugender Weise nur geben, wenn er mit seinem ganzen Sein in der Situation der menschlichen Frage steht.” (P. Tillich, Systematische Theologie, Band II, 21f.)

Was auch immer man mit “emerging” und der emergenten Diskussion verbinden mag – für mich hat sie viel mit dem zu tun, was ich im Anschluss an dieses Tillich-Zitat das “Ethos der Frage” nennen würde. Die Bereitschaft – wenn nicht Verpflichtung – sich ganz und ernsthaft auf die Frage einzulassen, ohne die Antwort schon immer gleich zu wissen. Das ist, so ahne ich langsam, mehr als eine schicke Einstellung. Das ist Arbeit und Wagnis, Beunruhigung und Risiko.

(Dieses Fragen allerdings – so würde ich festhalten, auch wenn das in emergenten Kreisen weniger laut gesagt wird – steht in der manchmal nur unsicher wahrnehmbaren Gegenwart und Zusage dessen, der “in alle Wahrheit führt”. Von dieser Gegenwart her fragen wir, und sie bleibt das Ziel. Wie Luther so schön sagt: Spiritus sanctus non est Scepticus! Aber das ist nochmal ein eigenes Thema…)

P.S.: Hier dazu das Bild einer verblüffend passenden und eigentlich wirklich schönen Kunstinstallation in einer Pariser Kirche: Robert Stadler’s question mark installation in Paris

Gott ist keine Person

Netter Schocker, aber trotzdem einen Gedanken wert, wie ich finde:

If we say ‘God is a person’, we say something which is profoundly wrong. If God were a person, he would be one being alongside other beings, and not He in whom every being has his existence an his life, and who is nearer to each of us than we are to ourselves. (…)

Therefore we should never say that God is a person. And neither the Bible nor classical theology ever did. In classical theology the Latin term persona applied only to the three faces of God as Father, Son, and Spirit. The application of the term ‘person’ to God is a poor invention of nineteenth-century theology and even more of popular talk about religion.”

(Paul Tillich, The God above God, in: Ders., Ausgewählte Texte, 404.)

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