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Heideggers Ding

„Das Wesen des Kruges ist die reine schenkende Versammlung des einfältigen Gevierts in eine Weile. Der Krug west als Ding. Der Krug ist der Krug als ein Ding. Wie aber west das Ding? Das Ding dingt. Das Dingen versammelt. Es sammelt, das Geviert ereignend, dessen Weile in ein je Weiliges: in dieses, in jenes Ding.“ (Martin Heidegger, Das Ding)

Wer wollte das bestreiten?

Bonhoeffer zum heutigen Tag:

Gehört es nicht zum Wesen des Mannes im Unterschied zum Unfertigen, daß das Schwergewicht seines Lebens immer dort ist, wo er sich gerade befindet und daß die Sehnsucht nach der Erfüllung seiner Wünsche ihn doch nicht davon abzubringen vermag, dort, wo er nun einmal steht, ganz das zu sein, was er ist?

(Otto Dudzus (Hg.): Bonhoeffer Brevier, München 1968, 338)

Mit großen Erklärungen darüber, weshalb diese Reihe bereits nach dem 2. Teil ganz erheblich ins Stocken geraten ist, halten wir uns hier gar nicht lange auf. Also einfach weiter, als wäre inzwischen nicht fast ein ganzes Jahr vergangen…

Das Buch

Marcel Proust hat im Prinzip nur ein Buch geschrieben. Und das ist extrem dick. „À la recherche du temps perdu“ (dt.: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“) ist eine Art Riesen-Roman, der in sich 7 einzelne Romane enthält, die aber alle eine Geschichte erzählen. Meine Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag hat 4150 Seiten. Unsere kleine Tochter hat die Bücher bei ihren ersten Laufversuchen im Kinderwagen umhergeschoben. Sie hatten genug Gewicht, damit der Wagen nicht umkippte.

Hier geht es allerdings nur um den ersten Roman, „In Swanns Welt“, dem man sich angesichts seiner ca. 560 Seiten guten Mutes nähern kann. Und auch das kann man nochmal einschränken: Unbedingt lesen sollte man den ersten Teil des ersten Romans: „Combray“. Handlung: Keine. Und ich meine nicht „eher wenig“ Handlung wie in Thomas Manns Zauberberg, sondern: Keine. Es sei denn, man entdeckt in den Spaziergängen irgendwo einen Spannungsbogen. Worum es geht: Erinnerungen; an die Kindheit, an den Geruch von Blumen, ans Einschlafen usw. Es passiert also nichts, das aber auf grandiose Weise, denn…

Was ich daran mag

…ist die Sprache. Ich bin zwar bei weitem nicht gut genug in Französisch, um Proust im Original zu lesen, aber die klassische Übersetzung von Eva Rechel-Mertens reicht aus, um genießen zu können (Walter Benjamin hat ihn auch übersetzt, kennt das hier jemand?). Proust schreibt vielleicht ein bisschen so wie Thomas Mann (die Sätze sind jedenfalls mindestens genau so lang) aber irgendwie eleganter, verträumter und fließender. Es hat etwas von einem impressionistischen Gemälde, man muss es jedenfalls selbst erleben. Dafür reichen schon die ersten zehn Seiten, auf denen der Erzähler im Aufwachen nach und nach sein Schlafzimmer aus der Erinnerung auferstehen lässt (siehe Lieblingszitat). Wer danach nicht von selbst weiterlesen will, sieht sich wohl besser anderswo um.

Lieblingszitat

Man muss ja eines auswählen (und dabei tunlichst die durchgenudelte Madeleine-Stelle vermeiden), also nehme ich ich dieses hier:

„Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu ermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre. Noch zu steif, um sich zu rühren, suchte mein Körper je nach Art seiner Ermüdung sich die Lage seiner Glieder bewußt zu machen, um daraus die Richtung der Wand, die Stellung der Möbel abzuleiten und die Behausung, in der er sich befand, zu rekonstruieren und zu benennen. Sein Gedächtnis, das Gedächtnis seiner Seiten, seiner Knie und Schultern bot ihm nacheinander eine Reihe von Zimmern, in denen er schon geschlafen hatte, an, während rings um ihn die unsichtbaren Wände im Dunkel kreisten und ihren Platz ja nach der Form des vorgestellten Raumes wechselten.“ (13)

Das Buch in einem Tweet

Einer erinnert sich an seine Kindheit und vergisst dabei die Zeit.

Christen sollten mutig die Wahrheit und das Recht einer Weltsicht biblischer Apokalyptik verteidigen. Wenigstens sie sollten in unsern Tagen apokalyptisch werden und handeln. Denn das ist die Wirklichkeit der Erde, in welcher Jesus Christus seine Herrschaft aufrichten und bezeugt wissen will. Wenn wir uns auf diese Erde einlassen, müssen wir täglich neu erfahren, dass unser Herr der Gekreuzigte auch nach Ostern ist und bleiben wird, dass also auch seine Leute nicht in die Friedlichkeit gestellt werden, welche der normale Bürger am Sonntagmorgen liebt und von Christen erwartet. (Ernst Käsemann, In der Nachfolge des gekreuzigten Nazareners, 10)

Ernst Käsemann, vor zwölf Jahren gestorben, hatte gestern Geburtstag. Seine Theologie – N.T. Wright avant la lettre – liest sich noch immer äußerst unangenehm und unbequem. Also ganz so, wie er es sich vorgestellt hat. Ich sollte mal einiges über ihn posten, Lust hätte ich, seinen Vortrag „Die theologische Relevanz des Wortes ‘Besessenheit’“ hier mal aufzugreifen. Wer sich aber selbst einen Eindruck verschaffen will: Der oben zitierte Band „In der Nachfolge des gekreuzigten Nazareners“ versammelt späte Vorträge mehr allgemeinverständlicher Sorte. Für die geistige Unruhe im nächsten Urlaub…

„After I had listened to this 8 hour set the first time I was sad; sad because I couldn’t play the set again since it was 2 in the morning and I had to get some sleep!“ (amazon review)

Wer wissen will, warum einen Wynton Marsalis’ unglaubliches Set von 7-Live-CDs „Live at the Village Vanguard“ so traurig machen kann, ist jetzt nur einen Click von den größten Jazz-Freuden entfernt: Wynton Marsalis, umstritten als Jazz-Politiker, unumstritten als bester Trompeter seiner Generation, hat in den frühen 90ern mit seiner Band eine Reihe von Auftritten im legendären New Yorker Village Vanguard absolviert und 1999 als CD-Box für einen damals günstigen Preis herausgebracht. Heute gibt es dieses Live-Set auf amazon gebraucht/neu irgendwo zwischen 63 und 99 Euro. Deshalb würde ich es schlicht für einen Fehler halten, hätte ich es nicht gestern heruntergeladen und seitdem auf den Ohren: iTunes verkauft das ganze für 7,99 EUR. Deal!!!

Mehr als Acht Stunden fantastische Musik praktisch geschenkt. Hier informieren, hier zuschlagen, solange keiner bei Apple das Versehen bemerkt…

Bekenne dich zum Kitsch!

Abends, nach einem langen Arbeitstag, entspannen wir uns alle zu ein bisschen Free Jazz, chillen zu komplexen Texten der frühen Dylan-Platten oder vergleichen verschiedene Einspielungen der 4. Bruckner-Symphonie (Wand oder Celibidache? Wand!). Schon klar.

Aber so manche CD schlummert in unseren Regalen, von der niemand wissen darf. Und ab und zu holt man sie heimlich raus. Stellt fest, dass es absoluter Kitsch ist – und dass man die Musik liebt. Unerklärlich aber wahr. Hier kommen meine Kitsch-Top-3.

  1. Joshua Kadison – Jessie. Der Song stammt von 1993 und beweist, dass auch ich schon ein bisschen Leben hinter mir habe. Er ist natürlich üble Kitsch-Melancholie, aber das prädestiniert ihn ja für diese Liste. Ich kann übrigens sogar die ganze CD hören, ohne rot zu werden: „Painted Desert Serenade“ (schon der Titel!). Joshua Kadison hat auf dem Cover lange Haare und steht barfuß vor einer Scheune.
  2. Bee Gees – How Deep Is Your Love. 70ies-Schmalz in Vollendung. Die Coverversion von Take That ist noch finsterer, aber selbst die kann ich hören.

  3. Janet Jackson – Let’s Wait A While. Ich glaube der Text geht tatsächlich in Richtung „Wahre Liebe wartet“. Sonst eigentlich kein Motto, für das man bei Janet Jackson weitreichende Sympathien vermuten würde. Das macht den Song eher noch kitschiger und noch geeigneter für diese Liste. Was ist eigentlich die Kreuzung aus Schmalz und Soul? Schmoul? (Die größten Leistungen in der Kunstform des „Schmouls“ wären dann wohl Marvin Gayes „Let’s Get It On“ und Al Greens „Let’s Stay Together“.)

Es gibt natürlich genug anderen Kitsch, den ich mal gehört habe (Abba, Pur!). Aber nur diese Machwerke schaffen es, dauerhaft auf meinem iPod zu überleben. Und nun zu euch, bekennt euch zum Kitsch: Wozu schunkelst du, wenn keiner zuschaut?

Literarische Entdeckungen

Zwei literarische Entdeckungen habe ich während unseres Urlaubs gemacht. Beide waren ganz ungeplant und deshalb umso schöner.

Tschechow. Eigentlich bin ich für die Russen nicht so zu haben. Meine umfangreichste Leistung bisher war Dostojewskis Schuld und Sühne, das größte Vergnügen hatte ich bei seinem Spieler, dann natürlich ein abgebrochener Versuch mit Krieg und Frieden. So ganz warm aber bin ich mit dieser Richtung nicht geworden.
Nachdem sich allerdings ein Neukauf (Steve Toltz, Vatermord und andere Familienvergnügen) als enttäuschender Fehlkauf herausgestellt hatte und nach wenigen Kapiteln wegen Möchtegernhaftigkeit verworfen wurde (nominiert für den Booker-Preis???), kam ein nur so nebenbei und ohne ernsthafte Absicht aus der Stadtbücherei entliehener Erzählband von Anton Tschechow zum Einsatz. Ein Wechsel von Toltz zu Tschechow, von Australien nach Russland, vom 21. zum 19. Jahrhundert – und nach einer Seite war klar: Vom Anfänger zum Meister! Unaufgeregte Erzählkunst, klare und feine Sprache ohne Schnörkel. Das Ganze mitunter zwar etwas moralisierend und die Stoffe typisch russisch-düster (stickige Kammern und Kohlsuppe), aber alles in einem wunderbar ironischen Ton. Die beste Erzählung war zugleich die mit dem vielleicht brillantesten Titel, der mir bisher untergekommen ist: Eine langweilige Geschichte. Ein alter Professor als verschrobener Anti-Held, der am Ende seines Lebens Bilanz zieht. Die Beschreibung seiner Vorlesungen ist so fantastisch, dass sie hier ganz zitiert werden müsste, dafür aber leider zu lang ist. Also selber lesen.
Der DTV hat Tschechows Dramen und Erzählungen in neuer Übersetzung in fünf Taschenbuchbänden herausgegeben. Ich hatte den Band Die Fürstin mit Erzählungen aus seiner mittleren Schaffensperiode dabei.
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Effi Briest. E.T.A. Hoffmann war die Entdeckung meines Germanistikstudiums. Fontane ist die Entdeckung danach. Während des Studiums hatte ich tatsächlich nichts von Fontane gelesene, so habe ich ihn nun einfach nur für mich privat, zum ganz unprofessionellen Lesevergnügen. Vor seinem größten Klassiker, Effi Briest, hatte ich allerdings bisher immer etwas Scheu: Zu angestaubt-schullektürenhaft das Image, ich fürchtete Langeweile im Schlafrock. Völlig falsch! Ein bisschen kürzer könnte das Buch vielleicht sein, das war’s aber auch schon. Sonst ganz Fontanes Erzählkunst: Fließende Sprache, sympathische Charaktere, ein berührendes Ende. Und das alles in diesem ruhigen Zauber, den man vielleicht wirklich nur im Urlaub ganz aufnehmen kann.
Gelesen habe ich den Roman in der netten kleinen Ausgabe „Bibliothek deutscher Klassiker“ vom Aufbau Verlag (Reprint einer ehem. DDR-Sammlung), die man als Restposten teilweise fast hinterhergeschmissen bekommt (z.B. bei amazon marketplace).

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Damit von meinen gegenwärtigen exegetischen Bemühungen um Ex 24,1-11 wenigstens etwas Seriöses für die werten Blogleser abfällt:

Zitat des Monats:

In diesem Zusammenhang wird dann auch die schon früh beobachtete funktionale Ähnlichkeit von Ex 19,4-6 mit dem Brief Schuppiluliumas von Hatti an den König Niqmaddu von Ugarit nochmals konkreter…

Schuppiluliuma von Hatti war wenigstens mir bis dato unbekannt. Schuppiluliuma von Hatti hatte auch einen Sohn. Er nannte ihn Schuppiluliuma II., schien also kein ernsthaftes Problem mit seinem Namen zu haben. Schuppiluliuma-Sohn hinterließ der Nachwelt hier ein doch eher vages Porträt seiner selbst. Die Extravaganz seines Namens verhielt sich offenbar umgekehrt proportional zur Eindrücklichkeit seiner Erscheinung.

Fußnote des Monats:

23 Baroness Eileen De Ward first drew my attention to this way of understanding this text.

Wie kann man souveräner zugeben, dass man eine gute Idee nicht selbst gehabt hat, als indem man kurzer Hand auf in loser Folge stattfindende Fachgespräche mit befreundeten Adligen hinweist, die sich zwischen zwei Fuchsjagden ihren Studien altorientalischer Texte widmen?

Kommentare zum NT

Gestern im Buchladen entdeckt: Zwei der Bände des „Evangelisch-Katholischen Kommentar“ (EKK) gibt es jetzt als Studienausgabe, und zwar das Markusevangelium (von Joachim Gnilka) und den Römerbrief (von Ulrich Wilckens). Der EKK ist die momentan wohl beste deutschsprachige Kommentarreihe zum Neuen Testament und war bisher preislich ziemlich unerschwinglich; die beiden Markus-Bände gibt es jetzt für 34,90, die drei Römerbände für 39,90, jeweils in einem dicken Band zusammengefasst. Man zahlt jetzt für den gleichen Inhalt also weniger als die Hälfte. Schnäppchen.

Für alle theologisch Interessierten aber nicht Studierten (das wird hin und wieder gefragt) würde ich übrigens momentan entweder die Reihe „Die Neue Echter Bibel“ empfehlen (kostengünstig, nicht zu ausführlich, informativ) oder den „Theologischen Handkommentar zum NT“ (etwas teurer, mittel-ausführlich). Insgesamt gilt natürlich immer: In den Reihen wird jedes Buch von einem anderen Theologen kommentiert, so dass die Art der Kommentierung mitunter stark variiert und man von Buch zu Buch durchaus die Reihe wechseln sollte.

Marlins engagierter Beitrag zum „Ende der Emerging Church“ hat erwartungsgemäß eine lebendige Diskussion ausgelöst. Vielen Dank dafür, mir hat der Artikel bei der Reflexion geholfen! Zwei Punkte aus Marlins Beitrag möchte ich aufgreifen, die mir grundsätzlich und der Diskussion wert wie offenbar sehr nötig zu sein scheinen, weil sie immer neu (und nicht nur im Bereich EC auftauchen):

1. Kritik und Konstruktion

Marlin hat angemerkt, dass er in der emergenten Diskussion zwar viel Kritik an Bisherigem wahrgenommen, aber wenig positive, konstruktive Vorschläge gesehen hat. Da ist meiner Meinung nach tatsächlich etwas dran. Es hat viel Abgrenzung gegeben, manchmal vielleicht auch scharf an der Grenze zur Selbstgerechtigkeit. Wer kritisch denkt, muss sich dieser Gefahr bewusst sein. Zugleich hat es aber doch auch zahlreiche – theoretische wie ganz praktische (dazu gleich) – Neuvorschläge gegeben. Ich bin dafür, hier jedem „seine“ Zeit (Prediger 3!) zu geben. Davon abgesehen denke ich aber nicht, dass hier positive Vorschläge eine Kritik „ablösen“ sollten, sondern dass mit EC für so manchen vielleicht der Prozess begonnen hat, in Zukunft jede Praxis (auch vermeintlich „emergente“ und „missionale“) reflektierend zu begleiten. Was zum zweiten Punkt führt…

2. Theorie vs. Praxis

Im Gegensatz zu Marlin halte ich es nicht für richtig oder wichtig, von der Theorie endlich in die Praxis überzugehen. Landläufig begegnet diese Reihenfolge (erst das eine, dann das andere) zwar häufig und mag für die alltägliche Verständigung auch sinnvoll sein. Doch bei genauerem Hinsehen muss man m.E. feststellen: Theorie ist eine Praxis. Wer Theorie betreibt, tut etwas. Das kann man schlecht machen. Dann wird man es vielleicht „zu theoretisch“ oder „zu philosophisch“ nennen und meinen, dass hier einer von etwas spricht, von dem er eigentlich keine gute Kenntnis hat oder seine Kenntnisse nicht gut zu kommunizieren weiß. Das ändert jedoch nichts an der Grundfeststellung: Wer nachdenkt, tut etwas. Theorie ist eine Form der Praxis und ohne diese Form der Praxis, so meine Überzeugung, werden auch die anderen Formen der Praxis auf Dauer uninspiriert und starr.

EC bisher „zu philosophisch“? Vielleicht manchmal im Denken noch zu ungenau, zu beliebig, zu groß und selbstüberschätzend (neue Reformation? Bitte!). Aber das Gegenteil von „schlechter Theorie“ ist nicht „Praxis“ – sondern „gute Theorie“. Auf geht’s…

Apokrypher Worship

Es gibt gute Gründe, weshalb es manche Texte nicht in den neutestamentlichen Kanon geschafft haben. Eine Liturgie nach ThomasEvangelium 37 will man sich eigentlich nicht einmal vorstellen:

Seine Jünger sprachen: Wann wirst du uns erscheinen? Jesus sprach: Wenn ihr euch entkleidet (…) und nehmt eure Kleider und legt sie unter eure Füße wie kleine Kinder und trampelt darauf, dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen, und ihr werdet euch nicht fürchten.

Wir gedenken der Alten Kirche und ihrer Kanonbildung in Dankbarkeit…

Theologisch völlig unsauber ist folgende kleine Aktualisierung von Röm 2,17-29 auf Basis der Guten Nachricht. Warum sie theologisch unzureichend ist, könnte man bei Interesse in den Kommentaren diskutieren – warum sie trotzdem irgendwie passt, gerne auch:

Wie steht es denn mit euch Christen? Ihr führt euren Namen als Ehrennamen, ihr gründet euer Vertrauen auf die Bibel und ihr seid stolz auf eure besondere Beziehung zu Gott.

Aus der Bibel kennt ihr seinen Willen und könnt beurteilen, was in jeder Lage das Rechte ist.

Ihr wisst euch berufen, die Blinden zu führen und denen, die im Dunkeln sind, das Licht zu bringen, die Unverständigen zu erziehen und die Unwissenden zu belehren; denn mit der Bibel habt ihr in vollendeter Form alles, was der Mensch über Gott und seinen Willen wissen muss.

Ihr belehrt also andere — aber euch selbst belehrt ihr nicht. Ihr predigt: »Strebt nicht nach Geld« — und tut es selbst.

Ihr sagt: »Brecht nicht die Ehe« — und tut es selbst. Ihr verabscheut die weltlichen Dinge — und verdient sogar euer Geld damit.

Ihr seid stolz auf die Bibel; aber ihr lebt nicht danach und macht Gott Schande.

So steht es in den Heiligen Schriften: »Durch euch kommt der Name Gottes bei den Nichtchristen in Verruf.«

Auch das Christsein nützt euch nur, wenn ihr die Bibel befolgt. Wenn ihr sie übertretet, steht ihr in Wahrheit den Nichtchristen gleich.

Wenn aber nun Nichtchristen nach der Bibel leben — werden sie dann nicht von Gott den Christen gleichgestellt?

So kommt es dahin, dass Nichtchristen einst über euch Christen das Urteil sprechen werden. Solche nämlich, die nach der Bibel leben, während ihr sie nicht befolgt, obwohl ihr es schriftlich habt und Christen geworden seid.

Die wahren Christen sind die, die es innerlich sind, und wahres Christsein ist das Christsein des Herzens, das nicht im Buchstaben der Bibel geschieht, sondern durch den Geist Gottes. Christen in diesem Sinn suchen nicht den Beifall der Menschen, aber sie werden bei Gott Anerkennung finden.

Songwriter und Soul

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Zwischendurch soll hier knapp auf zwei sensationelle Alben hingewiesen werden, die auf wunderbare Weise Songwriter- und Soulmusik vereinen. Sie sind zwar nicht mehr neu, müssen aber trotzdem von dir gekauft werden, falls aus welchen Gründen auch immer noch nicht geschehen. Es handelt sich um 1. Bon Iver – For Emma Forever Ago und 2. Ron Sexsmith – Exit Strategy of the Soul.

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Bon Iver spricht ganz für sich selbst, man muss nur einmal reinhören, zum Beispiel hier. Ron Sexsmith hört sich vom Namen her fast ab 18 an, ist aber wirklich eher eine knuffige, postmoderrne Paul-McCartney-Version. Seine Stimme mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, wird aber auf „Exit Strategy“, seinem letzten Album, wunderbar durch eine Bläsergruppe ergänzt, was dieses schöne Soulfeeling ergibt. Hier kann man einen Eindruck gewinnen.

Daniel Ehniß hat auf seinem Blog die interessante Frage nach Schwächen der „emerging church“ behandelt und einige sehr gute Punkte aufgeworfen. Besonders beschäftigt mich von den genannten Fragen diejenige nach der „Sprachlosigkeit“ und gefühlten „Leere“, die einen befällt, sobald man aus den altbekannten Formeln und Gedankengebäuden herausfällt. Was glauben? Wie reden von Gott? Wie beten? Was singen?

Ganz wie Daniel bin ich dagegen, hier einfach aus Müdigkeit alte Vorstellungen und Gewohnheiten wieder einschnappen zu lassen. Ich sehe aber auch bei den wenigsten „emergent Interessierten“ wirklich diese Gefahr – sondern eher eine andauernde Perspektivlosigkeit. Ich wünsche mir insgesamt etwas mehr Hoffnung und Erwartung, dass irgendwo tatsächlich neue “Tiefe” und “Bedeutung” des Glaubens zu finden ist.

Und ich würde auch schon solch ein “irgendwo” vorschlagen: Die Bibel. Löst bei evangelikaler Prägung möglicherweise spontan Brechreiz aus, ist aber glaube ich tatsächlich der Ort, an dem nach dem Verlassen des alten Schneckenhauses eine neue Heimat zu finden wäre. Und Derrida halte ich bestenfalls für einen Umzugshelfer. Bei aller möglichen Unterstützung in der Aufsprengung versteinerter Sicherheiten, mehr ist da auf Dauer nicht zu holen, in der differance finden wir keine Heimat. Heimat wäre aber möglicherweise wieder zu finden in einer breiteren als unserer bisherigen Tradition (Daniel nennt sie in seinem Kommentar auch) und dieser noch einmal übergeordnet und gegenüber – hier tatsächlich auch als ständiger Unruhe-Herd! – in der Schrift.

Dafür brauchen wir natürlich frische Zugänge zu den Texten, neue Perspektiven, befreite Sicht auf die Vielfalt, Spannung und Verheißung die in der Schrift liegen kann, wenn man ihr ohne die alten Korsette begegnet. Bibel kann spannend werden, wo wir die Texte auch in ihrer Fremdartigkeit, Abständigkeit, Widersprüchlichkeit kennen lernen. Wo wir die Texte nicht nur immer für uns, sondern auch gegen uns sprechen lassen – gerade auch gegen unsere Auslegungsgewohnheiten. Und so könnte sie uns in dieser lebendigen Auseinandersetzung vielleicht tatsächlich wieder Heimat werden…

Die Grundthese der „New Perspective on Paul“ lautet: Luther hat Paulus mit anderen Fragen und Anliegen gelesen, als dieser selbst seine Briefe verfasst hat (z.B. den Fragen eines geplagten, spätmittelalterlichen Mönches). Hinter dieser These stehen aber, so mein Eindruck, sehr häufig Erfahrungen mit einer sozial desinteressierten Gnadentheologie: „Ich und mein ewiges Heil, was interessiert mich die Welt und ihre Probleme?“

Die evangelische Frömmigkeit mag diese Einstellung tatsächlich häufig ausgeprägt haben. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass dies mehr als eine Karikatur der Theologie Luthers darstellt. Vielmehr Luther selbst:

Wenn du aber [in den Evangelien] siehst, wie [Christus] wirkt und jedermann hilft, zu dem er kommt und der zu ihm gebracht wird, sollst du wissen, daß der Glaube solches in dir wirke und Christus deiner Seele eben diese Hilfe und Güte durchs Evangelium anbietet. Hältst du hier still und läßt dir Gutes tun (…), so hast du es gewiß, so ist Christus dein und dir als Gabe geschenkt.

Danach ist’s nötig, daß du ein Vorbild daraus machst und deinem Nächsten auch so hilfst und tust, auch ihm als Gabe und Vorbild gegeben bist. (…)

Diese zwiefachen Güter sind die zwei Stücke in Christus: Gabe und Vorbild.

(Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll, in: Luther, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, 202f.)

Ist dies einmal verstanden und ernst genommen, dass Luther – bei aller Vorordnung der Gnade – die Ethik tatsächlich und wirklich als innere Konsequenz, nicht nur als müden Wurmfortsatz der Gnade beschreibt, dann erledigt sich m.E. so manches Abgrenzungspathos zur Reformation.

Über exegetische Einzelfragen kann und soll man dann wunderbar streiten – dann aber im Bewusstsein, dass „billige Gnade“ bei Luther so wenig wie bei Paulus zu haben ist.

Manchmal muss man sich etwas von der Seele schreiben: Was ich jetzt gerne lesen würde, wenn ich nicht KD lesen „müsste“:

1. Lesslie Newbigin: The Gospel in a Pluralist Society

Ich habe allen Ernstes noch nie etwas von Newbigin gelesen. Das ist natürlich kaum zu fassen und muss schnellstmöglich geändert werden. Kann ich aber gerade nicht. Also schaue ich in den Index und stelle fest, dass Newbigin 6x Barth zitiert. Ich rede mir also vorerst ein: Barth ist hier grundlegend, ohne Barth kann man Newbigin wahrscheinlich gar nicht verstehen. Newbigin ist im Letzten eigentlich eine Barth-Paraphrase! Geht doch.

2. Hans W. Frei: The Eclipse of Biblical Narrative

Das Buch ist die Grundlegung der sog. narrativen oder postliberalen Theologie. Ein Muss. Ich will es jetzt schon eine ganze Weile lesen. Kann ich aber gerade nicht. Ich stelle fest: Hans Frei hat über Barth promoviert! Ha, ein Barth-Epigone! Was soll hier stehen, was nicht schon bei Barth steht? Ich spüre einen inneren Frieden.

Was liegt bei euch schon eine Weile ganz oben auf dem Stapel?

Barths KD in einem Jahr

Seit knapp zwei Wochen befinde ich mich in einem kleinen Experiment, das da heißt: Karl Barths „Kirchliche Dogmatik“ lesen. Ganz. Möglichst in einem Jahr. Knapp 3% habe ich bis jetzt geschafft. Wer Lust hat, diesen Irrsinn ein bisschen mitzuverfolgen, kann das hier (Blog) und hier (Twitter) tun.

Emergent: Neues keimt auf.

[Achtung: Folgender Beitrag ist zwar theologisch sauber, in jeder anderen Hinsicht aber etwas eklig.]

Nach einem netten und für mich irgendwie auf unaufgeregte Weise motivierenden und inspirierenden Treffen des Koordinationsteams „Emergent Deutschland“ fuhr ich mit dem ICE von Kassel zurück Richtung Tübingen. Dabei erschloss sich mir an unerwartetem Örtchen noch einmal das Grundprinzip emergenter Bewegungen:

Was zuerst unscheinbar wirkt, ja einen geradezu schmutzigen und unordentlichen Eindruck macht…

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…erweist sich bei näherem Hinsehen vielleicht genau als derjenige Ort…

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…an dem Gott etwas Neues aufkeimen lassen möchte!

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Das Leben scheut sich nicht, dort zu entstehen, wo wir die Dinge manchmal gerne sauberer, ordentlicher, aufgeräumter hätten. (Gofi Müller schreibt in Zeigtgeist 2 über den frommen Knacks mit der Reinheit und Heiligkeit. Und Andi Blum fragt an gleicher Stelle, warum Jesus als Fresser und Weinsäufer beschimpft wurde, während das der Gemeinde kaum widerfährt.) Es ist eben so: Gott ist schon an Orten aktiv, die wir vielleicht nur notgedrungen aufsuchen. Jesus geht gerade dahin, wo wir ohne Grundreinigung erst gar nicht anfangen würden. Sein Geist wirkt schon jetzt, mitten in den etwas peinlichen Unvollkommenheiten. Das gilt auch für mein eigenes Leben und ist sehr tröstlich, wie ich finde. (Ich bin mir bewusst, dass ich das Klo-Bild spätestens bei der trinitarischen Explikation leicht überladen habe, aber wenn man gerade mal in Schwung ist…)

Zum Buch:

„Der Goldene Topf“ ist einer der ersten literarischen Erfolge E.T.A. Hoffmanns. Goethe hat ihn auch einmal gelesen und in seinem Tagebuch festgehalten: Bekommt mir schlecht. Er hielt Hoffmanns Werke überhaupt für krankhaft, was Hoffmanns Karrierechancen in der Literaturgeschichte ziemlich ruinierte. Man liest ihn eigentlich erst nach Kafka wieder. Zum Glück, denn Hoffmann ist ein toller Märchenerzähler (das war ja in der Romantik „in“) und das merkt man im „Goldenen Topf“. Die Geschichte: Der etwas chaotische Student Anselmus schwankt hin und her zwischen der „echten“ aber spießbürgerlichen Erfolgsgesellschaft und der „visionären“ aber brotlosen Kunstwelt. Bei einer rätselhaften Mentorenfigur lernt er das phantastische Schreiben. Am Ende erlebt er so etwas wie eine „Himmelfahrt“ in die Welt der Poesie. Manche behaupten auch, das Ende müsse man als Suizid lesen. Typisch für Hoffmann: Spannung durchs Fließende, Offene, bewusst Undeutliche (siehe Lieblingsstelle).

Warum ich es mag:

E.T.A. Hoffmann ist kein großer Sprachkünstler. Wer mal mehr als drei seiner Erzählungen gelesen hat, kann problemlos eine Strichliste seiner Lieblingsformulierungen anlegen. Worin er wirklich gut ist, das sind die irren Wechsel zwischen den Wirklichkeits- und Erzählebenen: Am Ende des „Topfes“ steigt der Erzähler aus seiner Schreibstube und landet mitten in der Erzählung selbst, um dort das Erzählen zu lernen. Hoffmann ist nicht der Einzige, der das macht, aber die Unverkrampftheit und Spontaneität, mit der er es macht, lassen die Sache so lässig und unterhaltend wirken. Übrigens ist das Buch auch angenehm kurz (vgl. Zauberberg!); und das eigenartige Märchen im Märchen, also ehrlich gesagt, das kann man auch überspringen.

Lieblingsstelle:

„Der Archivarius hatte dem Studenten Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Liquor gegeben, und nun schritt er rasch von dannen, so, daß er in der tiefen Dämmerung, die unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten, und es dem Studenten Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge.“

Das Buch in einem tweet:

Armer Student lässt sich auf dubiosen Nebenjob ein. Der Chef (heimlich ein Salamander) lobt als Bonus seine Tochter und die Poesie aus.

Große Literatur, trotzdem gut.
Große Literatur, Teil 1: Der Zauberberg

10 Reasons Why Men Should Not Be Ordained. Inzwischen ein kleiner Klassiker im Netz, weil’s so schön ist auch mal auf Deutsch: 10 Gründe, weshalb Männer nicht zum Pastor ordiniert werden sollten.

10. Der Platz eines Mannes ist in der Armee.

9. Männer, die Kinder haben, könnten durch ihre Pflichten in der Kirche davon abgelenkt werden, gute Eltern zu sein.

8. Ihre physische Ausstattung zeigt, dass Männer eher für Aufgaben gemacht sind wie Bäume fällen und Löwen bekämpfen. Andere Arbeiten wären für Männer „unnatürlich“.

7. Der Mann wurde vor der Frau erschaffen. Es ist also offensichtlich, dass der Mann ein Prototyp ist. Er ist daher ein Experiment, nicht die Krone der Schöpfung.

6. Männer sind zu emotional für die Aufgabe des Pastors. Das erweist sich ganz einfach durch ihr Verhalten bei Sportveranstaltungen.

5. Manche Männer sehen gut aus; das könnte weibliche Gemeindemitglieder vom Gottesdienst ablenken.

4. Ein ordinierter Pastor muss die Gemeinde versorgen. Das ist aber keine traditionell männliche Rolle! Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch wurden Frauen für die Aufgabe der Versorgung nicht nur als fähiger angesehen, sie fühlten sich zu dieser Aufgabe auch stärker hingezogen. Frauen sind deshalb offensichtlich die bessere Wahl für die Pastorenrolle.

3. Männer neigen überaus stark zur Gewalttätigkeit. Kein wirklich männlicher Mann möchte irgendeinen Konflikt anders lösen als durch Kampf. Deshalb wären Männer sowohl schlechte Vorbilder als auch äußerst instabil in Leitungspositionen.

2. Männer können sich ja in der Gemeinde auch engagieren, ohne als Pastor ordiniert zu sein. Sie können die Gehwege fegen, das Kirchendach reparieren, Ölwechsel am Gemeindebus durchführen und möglicherweise sogar ein Lied am Vatertag aufführen. Wenn sie sich auf solch traditionell männliche Rollen beschränken, können sie sich immer noch auf sehr wertvolle Weise in die Gemeinde einbringen.

1. Nach dem Bericht des Neuen Testaments war die Person, die Jesus verriet ein Mann. Sein Mangel an Glauben und die folgende Bestrafung stehen als ein Symbol für die Unterordnung, in die sich alle Männer fügen sollten.

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