Feeds:
Artikel
Kommentare

Manchmal muss man sich etwas von der Seele schreiben: Was ich jetzt gerne lesen würde, wenn ich nicht KD lesen „müsste“:

1. Lesslie Newbigin: The Gospel in a Pluralist Society

Ich habe allen Ernstes noch nie etwas von Newbigin gelesen. Das ist natürlich kaum zu fassen und muss schnellstmöglich geändert werden. Kann ich aber gerade nicht. Also schaue ich in den Index und stelle fest, dass Newbigin 6x Barth zitiert. Ich rede mir also vorerst ein: Barth ist hier grundlegend, ohne Barth kann man Newbigin wahrscheinlich gar nicht verstehen. Newbigin ist im Letzten eigentlich eine Barth-Paraphrase! Geht doch.

2. Hans W. Frei: The Eclipse of Biblical Narrative

Das Buch ist die Grundlegung der sog. narrativen oder postliberalen Theologie. Ein Muss. Ich will es jetzt schon eine ganze Weile lesen. Kann ich aber gerade nicht. Ich stelle fest: Hans Frei hat über Barth promoviert! Ha, ein Barth-Epigone! Was soll hier stehen, was nicht schon bei Barth steht? Ich spüre einen inneren Frieden.

Was liegt bei euch schon eine Weile ganz oben auf dem Stapel?

Barths KD in einem Jahr

Seit knapp zwei Wochen befinde ich mich in einem kleinen Experiment, das da heißt: Karl Barths „Kirchliche Dogmatik“ lesen. Ganz. Möglichst in einem Jahr. Knapp 3% habe ich bis jetzt geschafft. Wer Lust hat, diesen Irrsinn ein bisschen mitzuverfolgen, kann das hier (Blog) und hier (Twitter) tun.

Emergent: Neues keimt auf.

[Achtung: Folgender Beitrag ist zwar theologisch sauber, in jeder anderen Hinsicht aber etwas eklig.]

Nach einem netten und für mich irgendwie auf unaufgeregte Weise motivierenden und inspirierenden Treffen des Koordinationsteams „Emergent Deutschland“ fuhr ich mit dem ICE von Kassel zurück Richtung Tübingen. Dabei erschloss sich mir an unerwartetem Örtchen noch einmal das Grundprinzip emergenter Bewegungen:

Was zuerst unscheinbar wirkt, ja einen geradezu schmutzigen und unordentlichen Eindruck macht…

klo1.jpg

…erweist sich bei näherem Hinsehen vielleicht genau als derjenige Ort…

klo2.jpg

…an dem Gott etwas Neues aufkeimen lassen möchte!

klo3.jpg

Das Leben scheut sich nicht, dort zu entstehen, wo wir die Dinge manchmal gerne sauberer, ordentlicher, aufgeräumter hätten. (Gofi Müller schreibt in Zeigtgeist 2 über den frommen Knacks mit der Reinheit und Heiligkeit. Und Andi Blum fragt an gleicher Stelle, warum Jesus als Fresser und Weinsäufer beschimpft wurde, während das der Gemeinde kaum widerfährt.) Es ist eben so: Gott ist schon an Orten aktiv, die wir vielleicht nur notgedrungen aufsuchen. Jesus geht gerade dahin, wo wir ohne Grundreinigung erst gar nicht anfangen würden. Sein Geist wirkt schon jetzt, mitten in den etwas peinlichen Unvollkommenheiten. Das gilt auch für mein eigenes Leben und ist sehr tröstlich, wie ich finde. (Ich bin mir bewusst, dass ich das Klo-Bild spätestens bei der trinitarischen Explikation leicht überladen habe, aber wenn man gerade mal in Schwung ist…)

Zum Buch:

„Der Goldene Topf“ ist einer der ersten literarischen Erfolge E.T.A. Hoffmanns. Goethe hat ihn auch einmal gelesen und in seinem Tagebuch festgehalten: Bekommt mir schlecht. Er hielt Hoffmanns Werke überhaupt für krankhaft, was Hoffmanns Karrierechancen in der Literaturgeschichte ziemlich ruinierte. Man liest ihn eigentlich erst nach Kafka wieder. Zum Glück, denn Hoffmann ist ein toller Märchenerzähler (das war ja in der Romantik „in“) und das merkt man im „Goldenen Topf“. Die Geschichte: Der etwas chaotische Student Anselmus schwankt hin und her zwischen der „echten“ aber spießbürgerlichen Erfolgsgesellschaft und der „visionären“ aber brotlosen Kunstwelt. Bei einer rätselhaften Mentorenfigur lernt er das phantastische Schreiben. Am Ende erlebt er so etwas wie eine „Himmelfahrt“ in die Welt der Poesie. Manche behaupten auch, das Ende müsse man als Suizid lesen. Typisch für Hoffmann: Spannung durchs Fließende, Offene, bewusst Undeutliche (siehe Lieblingsstelle).

Warum ich es mag:

E.T.A. Hoffmann ist kein großer Sprachkünstler. Wer mal mehr als drei seiner Erzählungen gelesen hat, kann problemlos eine Strichliste seiner Lieblingsformulierungen anlegen. Worin er wirklich gut ist, das sind die irren Wechsel zwischen den Wirklichkeits- und Erzählebenen: Am Ende des „Topfes“ steigt der Erzähler aus seiner Schreibstube und landet mitten in der Erzählung selbst, um dort das Erzählen zu lernen. Hoffmann ist nicht der Einzige, der das macht, aber die Unverkrampftheit und Spontaneität, mit der er es macht, lassen die Sache so lässig und unterhaltend wirken. Übrigens ist das Buch auch angenehm kurz (vgl. Zauberberg!); und das eigenartige Märchen im Märchen, also ehrlich gesagt, das kann man auch überspringen.

Lieblingsstelle:

„Der Archivarius hatte dem Studenten Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Liquor gegeben, und nun schritt er rasch von dannen, so, daß er in der tiefen Dämmerung, die unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten, und es dem Studenten Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge.“

Das Buch in einem tweet:

Armer Student lässt sich auf dubiosen Nebenjob ein. Der Chef (heimlich ein Salamander) lobt als Bonus seine Tochter und die Poesie aus.

Große Literatur, trotzdem gut.
Große Literatur, Teil 1: Der Zauberberg

10 Reasons Why Men Should Not Be Ordained. Inzwischen ein kleiner Klassiker im Netz, weil’s so schön ist auch mal auf Deutsch: 10 Gründe, weshalb Männer nicht zum Pastor ordiniert werden sollten.

10. Der Platz eines Mannes ist in der Armee.

9. Männer, die Kinder haben, könnten durch ihre Pflichten in der Kirche davon abgelenkt werden, gute Eltern zu sein.

8. Ihre physische Ausstattung zeigt, dass Männer eher für Aufgaben gemacht sind wie Bäume fällen und Löwen bekämpfen. Andere Arbeiten wären für Männer „unnatürlich“.

7. Der Mann wurde vor der Frau erschaffen. Es ist also offensichtlich, dass der Mann ein Prototyp ist. Er ist daher ein Experiment, nicht die Krone der Schöpfung.

6. Männer sind zu emotional für die Aufgabe des Pastors. Das erweist sich ganz einfach durch ihr Verhalten bei Sportveranstaltungen.

5. Manche Männer sehen gut aus; das könnte weibliche Gemeindemitglieder vom Gottesdienst ablenken.

4. Ein ordinierter Pastor muss die Gemeinde versorgen. Das ist aber keine traditionell männliche Rolle! Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch wurden Frauen für die Aufgabe der Versorgung nicht nur als fähiger angesehen, sie fühlten sich zu dieser Aufgabe auch stärker hingezogen. Frauen sind deshalb offensichtlich die bessere Wahl für die Pastorenrolle.

3. Männer neigen überaus stark zur Gewalttätigkeit. Kein wirklich männlicher Mann möchte irgendeinen Konflikt anders lösen als durch Kampf. Deshalb wären Männer sowohl schlechte Vorbilder als auch äußerst instabil in Leitungspositionen.

2. Männer können sich ja in der Gemeinde auch engagieren, ohne als Pastor ordiniert zu sein. Sie können die Gehwege fegen, das Kirchendach reparieren, Ölwechsel am Gemeindebus durchführen und möglicherweise sogar ein Lied am Vatertag aufführen. Wenn sie sich auf solch traditionell männliche Rollen beschränken, können sie sich immer noch auf sehr wertvolle Weise in die Gemeinde einbringen.

1. Nach dem Bericht des Neuen Testaments war die Person, die Jesus verriet ein Mann. Sein Mangel an Glauben und die folgende Bestrafung stehen als ein Symbol für die Unterordnung, in die sich alle Männer fügen sollten.

Zum Buch:

„Der Zauberberg“ ist Thomas Manns zweiter großer Roman nach seinem Überraschungserfolg, den „Buddenbrooks“ (die es immerhin auf Platz 6 bei „ZDF Die Besten – Die Lieblingsbücher der Deutschen“ geschafft haben, wer soll das bitteschön gelesen haben? Nun, auf Platz 2 war die Bibel. Direkt auf die Buddenbrooks folgen „Der Medicus“ und „Der Alchimist“, Thomas Mann wäre entzückt gewesen.). Er handelt von einem jungen Mann, der bei einem Krankenbesuch in einem Bergsanatorium gleich dabehalten wird. Wie sich bald herausstellt, ist das Sanatorium so etwas wie ein Mikrokosmos seiner Zeit. Mit jedem Insassen lernt die Hauptfigur (und der Leser) eine ganze Lebensphilosophie, politische Anschauung, usw. kennen. Am Ende kommt der Krieg und eine Welt geht unter.

Warum ich es mag:

Natürlich ist das Buch viel zu dick (knapp 1000 Seiten). Ich habe es erstaunlicherweise trotzdem zwei Mal ganz gelesen, obwohl ich sehr schlecht darin bin, Bücher zu Ende zu lesen. Die Handlung ist gar nicht so entscheidend (naja, Handlung: ein langweiliger Durchschnittstyp sitzt sieben Jahre auf dem Berg…). Was begeistert, ist die Kunstfertigkeit mit der Thomas Mann die Figuren und die Motivik konstruiert hat. Jede Figur steht für eine ganze Welt und so taucht man beim Lesen nebenbei in Philosophie, Politik, Musik und Geschichte ein. Und das ohne jede Langweile. Überall steckt Nietzsche drin, und Schopenhauer und Wagner und der Mynheer Peeperkorn ist angeblich durch Gerhart Hauptmann inspiriert. Aber man muss das nicht wissen, um es zu mögen. Denn wenn man sich erst mal an die langen Sätze gewöhnt hat, stellt man fest: Das ist einfach unglaublich gut geschrieben. Ich habe mal irgendwo aufgeschnappt, Thomas Mann habe sich selbst gern beim Lesen seiner Texte zugehört; so ist das auch, manchmal etwas selbstgefällig und narzisstisch, aber eben auch grandios gut.

Lieblingsstelle:

Zeitphilosophie anhand einer Suppe. „Für jetzt genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine ‘lange’ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt; es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von ‘Wiederholung’ zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man dir ewig die Suppe bringt.“ (Kapitel „Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit“)

Das Buch in einem tweet:
Einer fährt auf den Berg und bleibt dann 7 Jahre oben. Dabei lernt er das Leben, die Liebe und den Tod kennen und leiht sich einen Bleistift.

Große Literatur, trotzdem gut.

Große Literatur macht keinen Spaß. Das ging mir schon im Deutschunterricht so. Ich habe dann Literaturwissenschaft studiert und konnte am Anfang nicht verstehen, warum man Goethe lesen soll, wenn John Grisham viel spannender schreibt. Inzwischen weiß ich, warum man Goethe in 100 Jahren noch lesen wird, John Grisham nicht. Trotzdem: Spaß macht mir Goethe immer noch nicht, so wie vieles, was „große Weltliteratur“ heißt. Das kann viele Gründe haben, einer ist sicher, dass Kunst nicht leicht zugänglich sein muss, Unterhaltung schon. Kunst mögen kostet Arbeit (oder frühe kulturelle Konditionierung, Bonhoeffer hat mit 12 oder so Schiller-Dramen gelesen, freiwillig.) Aber hin und wieder begegnet mir ein Werk*, das mir tatsächlich Spaß macht, spontan, einfach so. Ich fand das ein interessantes Phänomen und dachte mir, daraus mache ich eine kleine Blogreihe. Kostet zwar mehr Zeit als twittern und facebooken, aber wie Thorsten erklärt hat, lohnt es sich.

Folgendes ist geplant:

  • Thomas Mann, Der Zauberberg.
  • E.T.A. Hoffmann, Der Goldene Topf.
  • Marcel Proust, In Swanns Welt.
  • Theodor Fontane, Irrungen Wirrungen.
  • Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Welche „großen Bücher“ gefallen euch?

* Wenn Bücher in den Literaturkanon aufgenommen worden sind, heißen sie nicht mehr Bücher, sondern „Werke“. Will man aber im Literaturstudium zeigen, dass man zur Elite gehört, sagt man weder Buch noch Werk, sondern „der Text“.

imagesVor 125 Jahren wurde er geboren: Derjenige Theologe, den vielleicht als einzigen Theologen des 20. Jahrhunderts auch heute noch jeder evangelikale Normalchrist kennt. Und das nicht, weil man ihn liebt, sondern weil man ihn fürchtet. (Was vielleicht auch etwas über den Evangelikalismus sagt.) Aber warum eigentlich?

Ich schreibe die Tage an einer Arbeit über sein Entmythologisierungsprogramm, also die Forderung die christliche Botschaft von der antiken Weltanschauung zu trennen. Legendär sein Satz:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.

Davon abgesehen, dass ich inzwischen glaube, dass Bultmann hier in gewisser Hinsicht Recht hat (und in anderer Hinsicht auch wieder nicht), liegt mir jedenfalls daran, ein plattes Missverständnis auszuräumen: Bultmann war kein ‘Liberaler’ im landläufigen Sinne, ihm lag nicht daran, das Christentum in eine säkulare Philosophie aufzulösen. Sein Ziel war es, das Evangelium dem modernen Menschen nahe zu bringen. Bultmann war Missionar. Er hätte das zwar selbst wohl kaum  so ausgedrückt, aber wie anders soll man ihn verstehen, wenn er ausgerechnet sein Buch über die Entmythologisierung, Jesus Christus und die Mythologie, mit diesem Vorwort versieht:

Ich hoffe, daß diese Absicht deutlich wird, nämlich das Wort der Bibel für den modernen Menschen so verständlich zu machen, daß es als wirkliche Anrede gehört wird.

Man mag seine theologischen Lösungen mehr oder weniger stichhaltig finden – sein Anliegen muss man teilen.

[Disclaimer: Ich habe mich entschieden, diesen Artikel nicht-allgemeinverständlich zu schreiben. Das wäre anders zwar besser, kostet mich aber gerade zu viel Mühe. Wegen Faulheit richtet er sich deshalb zugegebenermaßen an solche Leser, die sich mit dem Thema schon etwas auskennen.]

zdr.jpg

Ich habe heute das kleine Gemeinschaftswerk „Die Zukunft der Religion“ von Richard Rorty und Gianni Vattimo zu Ende gelesen. Bei aller Bewunderung für die Gelehrtheit (und im Falle Rortys: die sympathische Lässigkeit) dieser beiden Postmoderne-Stars, frage ich mich doch, ob der vorgeschlagene Weg funktioniert. Religion hat demnach nur eine Zukunft (und mitgemeint ist wohl auch: eine Gegenwart), wenn sie ihre Situation als das Ende der Metaphysik anerkennt. Und mit Ende der Metaphysik ist gemeint: Ende der Vorstellung einer wahren Wirklichkeit (wie exakt auch immer die von Menschen zu erfassen sein mag, da gibt es ja alle philosophischen Schattierungen). Das Christentum hat auf diese Vorstellung einer Wahrheit für alle vielmehr fortan zu verzichten; Wahrheitsansprüche sind aufzugeben. Was bleibt? Die Nächstenliebe. Wo der Anspruch auf die Wahrheit und universale Gültigkeit der eigenen Weltsicht aufgegeben wird, da wird der Blick frei für den Anderen…

Frage jetzt: Funktioniert die Kiste? Bei einem Verzicht auf Wahrheitsansprüche lassen sich (so jedenfalls die Hoffnung) manche Probleme wie Religionskriege und imperialistische Missionsstrategien besser lösen. Aufzulösen scheint sich aber doch auch der Kontext für liebevolles Handeln. Was genau heißt es, den Nächsten zu lieben? Afrika Schulden erlassen und Geld schicken? Oder führt das nur in weitere Abhängigkeit vom Westen? Dann also eher sorgfältige Entwicklungshilfe, Hilfe zur Selbsthilfe. Aber halt: Wer sagt überhaupt, dass Menschen so etwas wie Unabhängigkeit und ’selbst etwas schaffen’ brauchen? Funktioniert das: Liebe ohne Wahrheitsanspruch, ohne wahres Menschenbild, wahres Geschichtsverständnis etc.??? Ich glaube: Hört sich dufte und diplomatisch an, funktioniert aber auf Dauer nicht.

(Im Übrigen kommt Vattimo selbst nicht ohne eine stramme Heilsgeschichtlichkeit aus. Die gegenwärtige Situation ist das Ende der Metaphysik und muss als solche angenommen werden; das kann sie aber nur, wenn man diese Situation als Ergebnis eines „Gesprächs“ mit Gott versteht. (77) Das Ende der Metaphysik ist also selbst Heil und Sinn.)

Freue mich auf Kommentare, besonders Widerspruch.

As Time Goes By…

Sie plädierte für ein neues Selbstverständnis von Kirche; nach ihm dürfe die verfaßte Kirche sich nicht exklusiv als Ort ansehen, wo Christus ist, sondern sie solle wahrnehmen, daß auch außerhalb von ihr, mitten in der säkularisierten Gesellschaft, Kirche sei und sich um ein besseres Verhältnis zu dieser ‘latenten’ Kirche bemühen.

Das ist nicht etwa ein Ausschnitt aus einem Buch über „missionalen Gemeindebau“, sondern eine Wiedergabe des Referats „Kirche ist außerhalb der Kirche“ von Dorothee Sölle auf dem Kirchentag in Köln 1965. Sölle hatte bei einer Bultmann-Schülerin studiert und vertrat eine bekenntniskritische, politische Theologie. Ihr Kirchentags-Referat war einer der Anstöße für die Gründung der innerkirchlich-evangelikalen Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“. Wie die Zeit vergeht…

(Zitat aus: F. Jung, Die deutsche evangelikale Bewegung. Frankfurt 1992, S.93.)

Worship: Das Licht ist gedimmt, das Keyboard säuselt sanfte Töne, ergriffen heben einige die Hände. Mit Inbrunst singt man „Thank You for the Cross“, dann die Bridge mit der romantischen Zeile:

Every one of us deserves to die…

Jedes Mal schießt mir dann unweigerlich folgender Gedanke durch den Kopf, zugegebenermaßen nicht in dieser Formulierung:

Meiner Einschätzung nach liegt in der Ferne des Gedankens, so tief in die Sünde verstrickt zu sein, dass der Tod der Sündigen schon da ist oder nach eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen ansteht, ein Kern der hermeneutischen Schwierigkeit, den Sinn des Sühneopfers gegenwärtig als heilsam und als rettend anzuerkennen. (H. Kulhmann, Zur Opferkritik der feministischen Theologie, 106)

Ist doch was dran, oder?

Martin Hengel gestorben

Im Alter von 82 Jahren ist gestern der Tübinger Neutestamentler Martin Hengel gestorben. Seine bekannteste Arbeit ist das bahnbrechende Buch „Judentum und Hellenismus„, in dem er weitgehende Einflüsse des griechischen Denkens auf das jüdische schon für die Zeit Jesu nachgewiesen hat. Damit wurde die seit Adolf von Harnack stark wirkende Vorstellung, das „eigentlich jüdische“ Christentum sei durch die griechische Kultur verdorben worden, nachhaltig erschüttert. Hengel war einer der wirklich weltweit bekannten Tübinger Theologen.

Das Ethos der Frage

[Der Theologe] muß die menschliche Endlichkeit, die auch seine eigene Endlichkeit ist, übernehmen, und er muß die Angst der Endlichkeit so in sich hineinnehmen, als ob er niemals die Offenbarungsantwort ‘Ewigkeit’ erhalten hätte. Er muß die menschliche Entfremdung, die auch seine eigene Entfremdung ist, übernehmen, und er muß die Angst der Schuld wieder durchleben, als ob er niemals die Offenbarungsantwort ‘Vergebung’ erhalten hätte. Der Theologe darf nicht bei der theologischen Antwort, die er verkündet, verharren. Er kann sie in überzeugender Weise nur geben, wenn er mit seinem ganzen Sein in der Situation der menschlichen Frage steht.“ (P. Tillich, Systematische Theologie, Band II, 21f.)

Was auch immer man mit „emerging“ und der emergenten Diskussion verbinden mag – für mich hat sie viel mit dem zu tun, was ich im Anschluss an dieses Tillich-Zitat das „Ethos der Frage“ nennen würde. Die Bereitschaft – wenn nicht Verpflichtung – sich ganz und ernsthaft auf die Frage einzulassen, ohne die Antwort schon immer gleich zu wissen. Das ist, so ahne ich langsam, mehr als eine schicke Einstellung. Das ist Arbeit und Wagnis, Beunruhigung und Risiko.

(Dieses Fragen allerdings – so würde ich festhalten, auch wenn das in emergenten Kreisen weniger laut gesagt wird – steht in der manchmal nur unsicher wahrnehmbaren Gegenwart und Zusage dessen, der „in alle Wahrheit führt“. Von dieser Gegenwart her fragen wir, und sie bleibt das Ziel. Wie Luther so schön sagt: Spiritus sanctus non est Scepticus! Aber das ist nochmal ein eigenes Thema…)

P.S.: Hier dazu das Bild einer verblüffend passenden und eigentlich wirklich schönen Kunstinstallation in einer Pariser Kirche: Robert Stadler’s question mark installation in Paris

Gott ist keine Person

Netter Schocker, aber trotzdem einen Gedanken wert, wie ich finde:

If we say ‘God is a person’, we say something which is profoundly wrong. If God were a person, he would be one being alongside other beings, and not He in whom every being has his existence an his life, and who is nearer to each of us than we are to ourselves. (…)

Therefore we should never say that God is a person. And neither the Bible nor classical theology ever did. In classical theology the Latin term persona applied only to the three faces of God as Father, Son, and Spirit. The application of the term ‘person’ to God is a poor invention of nineteenth-century theology and even more of popular talk about religion.“

(Paul Tillich, The God above God, in: Ders., Ausgewählte Texte, 404.)

MyTrinity.com, pt.2

Vor einer Weile hatte ich hier mal die Frage in die Runde geworfen, woran man eigentlich glaubt, wenn man an den dreieinigen Gott glaubt. Viele nette Antworten habe ich auf die Frage bekommen „Mit der Trinität Gottes verbinde ich…“, u.a.: Die Grenzen des menschlichen Verstandes, die Gemeinschaft in Gott, die Verwirrung, wen man den jetzt beim Beten anzusprechen habe.

Nur meine eigene Antwort hat bis jetzt auf sich warten lassen. Bitte:

Mit der Trinität verbinde ich inzwischen vor allem den befreienden Gedanken, dass Einheit und Vielfalt kein Widerspruch sind. Polytheistischer Glaube betont die Vielfalt der Wirklichkeit, deshalb ist er für die Spätmoderne/Postmoderne wieder interessant. Strikter Monotheismus betont dagegen die Einheit der Wirklichkeit: Ein Gott hat Anspruch auf das Ganze unseres Lebens – was in der Postmoderne wiederum gerne als totalitär verstanden wird und sich in fundamentalistischen Monotheismen tatsächlich totalitär ausprägen kann.

Gott als „drei“ und „einer“ heißt dagegen: Gott kennt in sich eine Verschiedenheit und Vielfalt, die eine Einheit ohne Einebnung der Unterschiede nicht ausschließt. Und das finde ich doch ein ziemlich faszinierendes Modell für die Organisation menschlicher Gemeinschaft…

Vor einer Weile hat mich Daniel Renz gefragt, ob ich den ersten Band der Postmoderne-Reihe von Heinzpeter Hempelmann für die Zeitschrift ichthys rezensieren möchte. Da hab ich gerne zugesagt. Die neue Nummer von ichthys ist jetzt draußen und da die Redaktion alle Rezensionen auch zeitgleich über ihr Profil amazon.de einstellt – was ich eine ziemlich großzügige und praktische Idee finde – und da ich von der Idee Abstand genommen habe, den Text in Portionen zu twittern, erscheint jetzt auch auf dem Blog mal wieder was.

Heinzpeter Hempelmann, Wir haben den Horizont weggewischt. Die Herausforderung: Postmoderner Wahrheitsverlust und christliches Wahrheitszeugnis, Witten 2007.

„Heinzpeter Hempelmann, Dozent für Systematische Theologie am Theologischen Seminar Liebenzell, legt mit diesem Titel den sachlich ersten Teil seines vierbändigen Projekts „Wie die wahre Welt zur Fabel wurde“ vor. Die Perspektive des gesamten Projekts ist eine Verhältnisbestimmung zwischen christlichem Wahrheitsanspruch und postmodernem Wahrheitspluralismus; der erste Band soll dabei eine grundlegende theoretische Auseinandersetzung mit der philosophisch begriffenen Postmoderne bieten.

Hempelmann.jpgIm ersten Kapitel (36-64) wird das Problem christlichen Glaubens im postmodernen Kontext als Problem der scheinbaren Unmöglichkeit von Mission umrissen: Wie soll man in einem geistigen Umfeld, das weithin nur noch an individuelle Wahrheiten glaubt, die eine Wahrheit vertreten? Ist ein solcher Anspruch noch vertretbar, überhaupt noch denkbar?  

Im zweiten Kapitel (65-129), einer sehr ausführlichen Exegese des Nietzsche-Aphorismus vom „Tollen Menschen“, beantwortet Hempelmann diese Frage eindeutig – mit einem Nein. Was Friedrich Nietzsche mit seinem berühmtberüchtigten Diktum „Gott ist tot!“ zum Ausdruck bringt, ist viel mehr als ein expliziter Atheismus. Es geht nicht um das Ende eines christlich-theistischen Gottesglaubens – es geht um das Ende des organisierenden Zentrums im metaphysischen System. Ist nicht nur der christliche Gott, sondern diese Systemstelle überhaupt ausgelöscht, dann ist der „Horizont weggewischt“. Die Wahrheit ist dann nicht mehr möglich: Es kann nur noch darum gehen, jeweils meine Wahrheit zu finden, und in dieser Situation findet sich der postmoderne Mensch vor.

In den Kapiteln 3 bis 6 wird dieser grundlegende, mit Nietzsche formulierte Gedanke in Überlegungen zu einigen zentralen Denkern der Postmoderne weiterverfolgt. Mit Jean-Francois Lyotard wird der „Abschied vom Gottesstandpunkt“ (135-150) beschrieben – also der Vorstellung, alle Wahrheitsansprüche mit Hilfe der einen Wahrheit ‘von oben’ beurteilen zu können; mit Richard Rorty der „Abschied vom Fundamentalismus“ (151-171) – also der Konstruktion einer Theorie auf der Grundlage eines unerschütterlichen Fundaments, derjenigen Systemstelle, die in einer christlichen Metaphysik Gott (oder die Bibel) einnimmt; mit Jaques Derrida der „Abschied vom Logozentrismus“ (172-177) – also der Hoffnung auf eine Präsenz der Wahrheit im begrifflichen Ausdruck; mit Gianni Vattimo schließlich der „Abschied vom starken Denken“ (178-202) – also vom Gestus eines Denkens, das sich im Besitz der ganzen Wahrheit weiß und in diesem Bewusstsein auf andere Wahrheitsansprüche reagiert.

Schön, dass diese Denker im Rahmen einer theologischen Auseinandersetzung mit der Postmoderne zur Sprache kommen – schade, dass dies meist nur sehr knapp geschieht. Wie die Anmerkungen nachweisen, ist Hempelmann auch auf diesem Gebiet offensichtlich durchaus informiert – erreicht aber nie die Intensität der Auseinandersetzung mit Nietzsche. Das Fazit der Analyse lautet: Will christlicher Glaube seinen Kontext ernst nehmen, so muss er die Undenkbarkeit eines starken, souveränen Wahrheitsanspruches akzeptieren und für eine „Hermeneutik der Demut“ (255-261) optieren.

Bedeutet dies nun aber: Sich schiedlich-friedlich einordnen in das polyphone Konzert der Welt-Anschauungen? Bereits in den theologischen Stellungnahmen zu den „Abschieden“ wird deutlich, dass Hempelmann zwar nach „Strukturanalogien“ (189) zwischen theologischen und postmodernen Erkenntnissen fragt, die Theologie jedoch nicht einfach in der Postmoderne aufgehen lassen möchte. Bevor jedoch ein eigenständiger systematisch-theologischer Ansatz im diagnostizierten nachmetaphysischen Kontext expliziert wird, ist in Kapitel 7 mit Nietzsche noch ein weiterer „Abschied“ zu beschreiben (203-261): Der Abschied vom vorgegebenen Sinn; an seine Stelle tritt der Kampf der Interpretationen als Kampf der sich gegenseitig überwältigenden Deutungen; Wahrheit wäre in diesem Sinne das Überleben des Stärkeren.

Vor diesem Hintergrund entwirft Hempelmann schließlich eine Art narrativer (und – so hofft der Verfasser – biblischere, weil weniger metaphysische) Theologie vom „Gott, der nicht interpretiert“ (vgl. 261-347), das heißt vom Gott, der nicht im Überwältigen dieser Welt, sondern in seinem Gewaltverzicht – am Kreuz – und heute in den Schwachen und Armen sichtbar wird. Die Parallelen zu Jürgen Moltmanns „Gekreuzigtem Gott“ liegen auf der Hand. Was Christen heute deshalb zu lernen haben, ist eine Ästhetik vom Kreuz Jesu Christi her (vgl. 382 Anm. 776), eine ehrliche Bestandsaufnahme der Verlorenheit, weil Sinnlosigkeit dieser Welt – und da können sie von der Radikalität der Postmoderne nur lernen.

Von daher ist Mission dann aber auch sinnvoll, sogar geboten, nämlich als von sich weg weisendes Zeugnis (vgl. 177) von dem Gott , bei dem Hoffnung für die nicht vorschnell zu überspielende Sinn-Leere dieser Welt zu suchen und zu finden ist. Überraschend resignativ fällt dabei jedoch die Erwartung gegenüber der Kirche aus. Dass Gott sich aus ihr in Teilen zurückgezogen habe, sie möglicherweise gar nicht mehr in seinem weiteren Heilshandeln berücksichtige, müsse als reale Möglichkeit erwogen werden (333 Anm. 667). Mit Dietrich Bonhoeffer ist die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart zu bestimmen als Bei-Gott-Sein in seinen Leiden (336), beim Gott, der eben im Schwachen und Unansehnlichen präsent ist.

Erschwert wird das Lesen durch einige formale Mängel (mehrere Abschnitte erscheinen im Prinzip als „Doppelüberlieferung“); man hätte dem Buch eine etwas sorgfältigere Redaktion gewünscht. Manche Stücke scheinen auch aus älteren Arbeiten mehr oder weniger „übernommen“, was den roten Faden manchmal aus dem Blick geraten lässt.

Die Stärke des Bandes liegt eindeutig in seiner Bereitschaft, sich grundsätzlich – und nicht nur mit oberflächlich-apologetischem Interesse – auf die geistige Situation einer Gesellschaft einzulassen, in der die großen Erzählungen ihre sinnstiftende Funktion eingebüßt haben. Die Nietzsche-Interpretationen erweisen sich dafür tatsächlich als sehr aussagekräftig. Es verwundert lediglich, dass die Brücke zu den Postmodernen nicht über den späten Martin Heidegger geschlagen wurde.

Anzufragen wäre, ob der diagnostizierten Situation tatsächlich mit einer Theologie begegnet werden kann, die in ihrem Impetus stark ‘antimetaphysisch’ agiert, dabei letztlich aber doch gleichsam ‘parasitär’ auf eben diesen universalen Rahmen bezogen bleiben muss, um nicht jegliche positive Kraft zu verlieren. Und ob dieser ‘antimetaphysische’ Impetus nicht gerade eine Lesart der Kirchengeschichte als Dekadenzgeschichte begünstigt, die in anderen Zusammenhängen allzu häufig in simplen Anti-Institutionalismus und einen hermeneutisch problematischen Übersprung „von der Urchristenheit zu uns“ mündet. Unbestritten ist: Hier wird theologisch tatsächlich etwas gewagt – und das ist in jedem Fall spannend und diskussionswürdig!“

ichthys 25 (2009), 2009|1, 97-99

Ich bin gerne bereit so ziemlich alle emerging-Stereotypen zu erfüllen. Ich lese Blogs auf meinem Mac, trage die Postmodern-Wannabe-Brille, trinke Latte Macchiato. Aber eines verweigere ich: U2 für die beste Band aller Zeiten zu halten. Stattdessen höre ich lieber das: Meine Rock/Pop TopTen-Alben. Dazu gibt’s jeweils eine Plattenkritik, meist von allmusic.com und einen Link zum Reinhören. Ziemlich folklastig ist es geraten, wundert mich selbst ein bisschen. Für alle Alben gilt das seltene Prädikat: Kein Füller, von vorne bis hinten durchhörbar.

Whiskeytown: Pneumonia

whiskeytwon.jpg
Whiskeytown had ceased to be a band in the truest sense by the time they recorded their third (and final) full-length album, Pneumonia; the group began to collapse during the touring following Strangers’ Almanac, with members coming and going at a remarkable pace, and for the Pneumonia sessions, the only musicians on hand who had appeared on Faithless Street three years earlier were lead vocalist and songwriter Ryan Adams and violinist and backing vocalist Caitlin Cary. Multi-instrumentalist Mike Daly and percussionist/producer Ethan Johns dominated the sessions’ sprawling cast of players, with James Iha and Tommy Stinson popping up on some tracks. Ultimately, Pneumonia sounds more like a Ryan Adams solo project than anything else, and it walks a decidedly different path than the Whiskeytown albums that preceded it — there are no charging rockers in the manner of „Drank Like a River“ or „Yesterday’s News,“ and the country twang of „Too Drunk to Dream“ or „Someone Remembers the Rose“ has receded into the background (though Cary’s violin and occasional mandolin or steel guitar lines from Daly do add a high-lonesome undertow to several songs, especially the plaintive „Sit and Listen to the Rain“ and „My Hometown“). This is easily Whiskeytown’s most ambitious and eclectic work, and the sparkling pop of „Don’t Be Sad“ and „Mirror Mirror,“ the lovely faux-tropicalia of „Paper Moon,“ the haunting tape-loop reverie of „What the Devil Wanted,“ and low-key power balladry of „Crazy About You“ all prove that, despite his reckless public persona, Ryan Adams had gained a wealth of maturity and intelligence (at least as a songwriter and recording artist) since the last time he’d entered a recording studio. Pneumonia was recorded in 1999, but the closing of Outpost Records in the wake of that year’s Polygram/ Universal merger put the album on the shelf for two years; in the meantime, Pneumonia developed an underground reputation as a lost classic, and while that description is going a bit far to make a point, it is an undeniably striking and beautifully crafted set of songs, and it’s interesting to imagine where this music would have taken Whiskeytown if the album had met its original release date — assuming that Whiskeytown was still a band by the time the record was finished. (© www.allmusic.com) Reinhören

Blumfeld: Verbotene Früchte

blumfeld.jpg
Jetzt geht wieder alles von vorne los: Der mittlerweile fest im Fleisch sitzende Argwohn der Enttäuschten, die Blumfeld schon seit „Tausend Tränen Tief“ nur noch für eine Schlagerband halten. Die Ernüchterung derer, die in den neuen Stücken „Der Apfelmann“, „Atem und Fleisch“ oder „Tiere um uns“ keine politische Dimension, keinen Diskurs mehr erkennen können, obwohl schon einfachste Zeilen wie „Tiere um uns/ Sind keine besseren Menschen“ oder „Tiere um uns/ Was wären wir ohne sie?“ nach Reflexion und Erörterung schreien. Die allgemeine Intellektuellenfeindlichkeit und das Bedauern darüber, dass Jochen Distelmeyer kein Kumpeltyp ist und Blumfeld keine Band, mit der man sich verbrüdern, in der man sich und seine Befindlichkeiten spiegeln kann. Die irreführende Vorstellung, dass Distelmeyer in seiner Freizeit mit zwei frischen „Geheimrat Oldenburg“-Äpfeln in der linken Hand und einem Raben auf der Schulter den Hamburger Tierpark Hagenbeck durchmisst.

Man kann das nach längst nicht mehr zählbaren Hördurchgängen auch einfach mal so sagen: „Verbotene Früchte“ ist das Wichtigste, das Tröstlichste und das Herrlichste, was einem in diesem Jahr passieren kann. „Strobohobo“ ist so brillant und dringlich wie kein anderes Stück, das Distelmeyer seit „So lebe ich“ verfasst hat. Der chansoneske, achtminütige Entwicklungsroman „Der sich dachte“ ist so traurig und so wahr, dass man kalte, klare Tränen weinen möchte, und „April“ ist genau der Prefab-Sprout-Song geworden, den Blumfeld vielleicht immer schon mal schreiben wollten. Wie unvergleichlich Distelmeyer in „Schnee“ phrasiert, wie nah das Gitarren-Picking von „Ich fliege mit Raben“ an Pentangle und der Incredible String Band liegt, und auf welch traumhafte Weise der Chor in „Atem und Fleisch“ den Song in zwei Hälften unterteilt, ist ohne Beispiel. „Kleines Lied, es kommt zu mir/ Kommt und will mich tragen/ Flüstert leise: Nimm es nicht so schwer!/ Und es trägt mich durch den Tag/ Fragen über Fragen/ Kleines Lied, es winkt mich zu sich her.“ („Kleines Lied“). Man geht auf Zehenspitzen, man verlässt das Zimmer nicht mehr: Man möchte keine einzige Sekunde von „Verbotene Früchte“ verpassen. (© SPIEGEL Online, Jan Wigger) Reinhören

Bon Iver: For Emma, Forever Ago

Bon Iver.jpgBon Iver is the work of Justin Vernon. He isolated himself in a remote cabin in Wisconsin for almost four months, writing and recording the songs on For Emma, Forever Ago, his haunting debut album. A few parts (horns, drums, and backing vocals) were added in a North Carolina studio, but for the majority of the time it’s just Vernon, his utterly disarming voice, and his enchanting songs. The voice is the first thing you notice. Vernon’s falsetto soars like a hawk and when he adds harmonies and massed backing vocals, it can truly be breathtaking. „The Wolves (Acts I & II)“ truly shows what Vernon can do as he croons, swoops, and cajoles his way through an erratic and enchanting melody like Marvin Gaye after a couple trips to the backyard still. „Skinny Love“ shows his more of his range as he climbs down from the heights of falsetto and shouts out the angry and heartachey words quite convincingly. Framing his voice are suitably subdued arrangements built around acoustic guitars and filled out with subtle electric guitars, the occasional light drums, and slide guitar. Vernon has a steady grasp of dynamics too; the ebb and flow of „Creature Fear“ is powerfully dramatic and when the chorus hits it’s hard not to be swept away by the flood of tattered emotion. Almost every song has a moment where the emotion peaks and hearts begin to weaken and bend: the beauty of that voice is what pulls you through every time. For Emma captures the sound of broken and quiet isolation, wraps it in a beautiful package, and delivers it to your door with a beating, bruised heart. It’s quite an achievement for a debut and the promise of greatness in the future is high. Oh, and because you have to mention it, Iron & Wine. Also, Little Wings. Most of all, though, Bon Iver. (© www.allmusic.com) Reinhören

Dave Matthews Band: Before These Crowded Streets

matthews.jpgThe Dave Matthews Band made their reputation through touring, spending endless nights on the road improvising. Often, their records hinted at the eclecticism and adventure inherent in those improvisation, but Before These Crowded Streets is the first album to fully capture that adventurous spirit. Not coincidentally, it’s their least accessible record, even if it’s more of a consolidation than it is a step forward. Early Dave Matthews albums were devoted to the worldbeat fusions of Graceland and Sting, but his RCA efforts incorporated these influences into a smoother, pop-oriented style. Here, everything hangs out. Old trademarks, like jittery acoustic grooves and jazzy chords, are here, augmented by complex polyrhythms, Mideastern dirges, and on two tracks, the slashing strings of the Kronos Quartet. Some fans may find the new, darker textures a little disarming at first, but they’re a logical extension of the group’s work, and in many ways, this sonic daring results in the most rewarding album they’ve yet recorded. The Dave Matthews Band haven’t completely vanquished their demons, however — songwriting remains a problem, especially since relying on grooves, improvisation, and texture allows them to skimp on melody, and Matthews’ lyrics can be awkward and embarrassing, especially if he’s writing about sex. Still, these are minor flaws on an album that relies on tone and improvisation, both of which are in ample supply on Before These Crowded Streets. (© www.allmusic.com) Reinhören

The Beatles: The Beatles (White Album)

Beatles.jpgEach song on the sprawling double album The Beatles is an entity to itself, as the band touches on anything and everything it can. This makes for a frustratingly scattershot record or a singularly gripping musical experience, depending on your view, but what makes the so-called White Album interesting is its mess. Never before had a rock record been so self-reflective, or so ironic; the Beach Boys send-up „Back in the U.S.S.R.“ and the British blooze parody „Yer Blues“ are delivered straight-faced, so it’s never clear if these are affectionate tributes or wicked satires. Lennon turns in two of his best ballads with „Dear Prudence“ and „Julia“; scours the Abbey Road vaults for the musique concrète collage „Revolution 9″; pours on the schmaltz for Ringo’s closing number, „Good Night“; celebrates the Beatles cult with „Glass Onion“; and, with „Cry Baby Cry,“ rivals Syd Barrett. McCartney doesn’t reach quite as far, yet his songs are stunning — the music hall romp „Honey Pie,“ the mock country of „Rocky Raccoon,“ the ska-inflected „Ob-La-Di, Ob-La-Da,“ and the proto-metal roar of „Helter Skelter.“ Clearly, the Beatles’ two main songwriting forces were no longer on the same page, but neither were George and Ringo. Harrison still had just two songs per LP, but it’s clear from „While My Guitar Gently Weeps,“ the canned soul of „Savoy Truffle,“ the haunting „Long, Long, Long,“ and even the silly „Piggies“ that he had developed into a songwriter who deserved wider exposure. And Ringo turns in a delight with his first original, the lumbering country-carnival stomp „Don’t Pass Me By.“ None of it sounds like it was meant to share album space together, but somehow The Beatles creates its own style and sound through its mess. (© www.allmusic.com) Reinhören

John Mayer: Continuum

continuum.jpgNothing he did up until the excellent, expansive Try! could have prepared you for the monumental creative leap forward that is Mayer’s 2006 studio effort, Continuum. Working with his blues trio/rhythm section of bassist Pino Palladino and drummer Steve Jordan, along with guest spots by trumpeter Roy Hargrove and guitarist Ben Harper, Mayer brings all of his recent musical explorations and increasing talents as a singer/songwriter to bear on Continuum. Produced solely by Mayer and Jordan, the album is a devastatingly accomplished, fully realized effort that in every way exceeds expectations and positions Mayer as one of the most relevant artists of his generation. Adding weight to the notion that Mayer’s blues trio is more than just a creative indulgence, he has carried over two tracks from the live album in „Vultures“ and the deeply metaphorical soul ballad „Gravity.“ These are gut-wrenchingly poignant songs that give voice to a generation of kids raised on TRL teen stars and CNN soundbites who’ve found themselves all grown up and fighting a war of „beliefs.“ Grappling with a handful of topics — social and political, romantic and sexual, pointedly personal and yet always universal in scope — Mayer’s Continuum here earns a legitimate comparison to Marvin Gaye’s What’s Going On. Nobody — not a single one of Mayer’s contemporaries — has come up with anything resembling a worthwhile antiwar anthem that is as good and speaks for their generation as much as his „Waiting on the World to Change“ — and he goes and hangs the whole album on it as the first single.

It’s a bold statement of purpose that is carried throughout the album, not just in sentiment, but also tone. Continuum is a gorgeously produced, brilliantly stripped-to-basics album that incorporates blues, soft funk, R&B, folk, and pop in a sound that is totally owned by Mayer. It’s no stretch when trying to describe the sound of Continuum to color it in the light of work by such legends as Sting, Eric Clapton, Sade, Stevie Ray Vaughan, and Steve Winwood. In fact, the sustained adult contemporary tone of the album could easily have become turgid, boring, or dated but never does, and brings to mind such classic late-’80s albums as Sting’s Nothing Like the Sun, Clapton’s Journeyman, and Vaughan’s In Step. At every turn, Continuum finds Mayer to be a mature, thoughtful, and gifted musician who fully grasps his place not just in the record industry, but in life. (© www.allmusic.com) Reinhören

Van Morrison: Moondance

moondance.jpgThe yang to Astral Weeks’ yin, the brilliant Moondance is every bit as much a classic as its predecessor; Van Morrison’s first commercially successful solo effort, it retains the previous album’s deeply spiritual thrust but transcends its bleak, cathartic intensity to instead explore themes of renewal and redemption. Light, soulful, and jazzy, Moondance opens with the sweetly nostalgic „And It Stoned Me,“ the song’s pastoral imagery establishing the dominant lyrical motif recurring throughout the album — virtually every track exults in natural wonder, whether it’s the nocturnal magic celebrated by the title cut or the unlimited promise offered in „Brand New Day.“ At the heart of the record is „Caravan,“ an incantatory ode to the power of radio; equally stirring is the majestic „Into the Mystic,“ a song of such elemental beauty and grace as to stand as arguably the quintessential Morrison moment. (© www.allmusic.com) Reinhören

Bob Dylan: The Freewheelin’ Bob Dylan

Dylan.jpgIt’s hard to overestimate the importance of The Freewheelin’ Bob Dylan, the record that firmly established Dylan as an unparalleled songwriter, one of considerable skill, imagination, and vision. At the time, folk had been quite popular on college campuses and bohemian circles, making headway onto the pop charts in diluted form, and while there certainly were a number of gifted songwriters, nobody had transcended the scene as Dylan did with this record. There are a couple (very good) covers, with „Corrina Corrina“ and „Honey Just Allow Me One More Chance,“ but they pale with the originals here. At the time, the social protests received the most attention, and deservedly so, since „Blowin’ in the Wind,“ „Masters of War,“ and „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ weren’t just specific in their targets; they were gracefully executed and even melodic. Although they’ve proven resilient throughout the years, if that’s all Freewheelin’ had to offer, it wouldn’t have had its seismic impact, but this also revealed a songwriter who could turn out whimsy („Don’t Think Twice, It’s All Right“), gorgeous love songs („Girl From the North Country“), and cheerfully absurdist humor („Bob Dylan’s Blues,“ „Bob Dylan’s Dream“) with equal skill. This is rich, imaginative music, capturing the sound and spirit of America as much as that of Louis Armstrong, Hank Williams, or Elvis Presley. Dylan, in many ways, recorded music that equaled this, but he never topped it. (© www.allmusic.com) Reinhören

Nick Drake: Bryter Later

drake.jpgWith even more of the Fairport Convention crew helping him out — including bassist Dave Pegg and drummer Dave Mattacks along with, again, a bit of help from Richard Thompson — as well as John Cale and a variety of others, Drake tackled another excellent selection of songs on his second album. Demonstrating the abilities shown on Five Leaves Left didn’t consist of a fluke, Bryter Layter featured another set of exquisitely arranged and performed tunes, with producer Joe Boyd and orchestrator Robert Kirby reprising their roles from the earlier release. Starting with the elegant instrumental „Introduction,“ as lovely a mood-setting piece as one would want, Bryter Layter indulges in a more playful sound at many points, showing that Drake was far from being a constant king of depression. While his performances remain generally low-key and his voice quietly passionate, the arrangements and surrounding musicians add a considerable amount of pep, as on the jazzy groove of the lengthy „Poor Boy.“ The argument could be made that this contravenes the spirit of Drake’s work, but it feels more like a calmer equivalent to the genre-sliding experiments of Van Morrison at around the same time. Numbers that retain a softer approach, like „At the Chime of a City Clock,“ still possess a gentle drive to them. Cale’s additions unsurprisingly favor the classically trained side of his personality, with particularly brilliant results on „Northern Sky.“ As his performances on keyboards and celeste help set the atmosphere, Drake reaches for a perfectly artful reflection on loss and loneliness and succeeds wonderfully. (© www.allmusic.com) Reinhören

Paul Simon: Paul Simon

Isimon.jpgf any musical justification were needed for the breakup of Simon & Garfunkel, it could be found on this striking collection, Paul Simon’s post-split debut. From the opening cut, „Mother and Child Reunion“ (a Top Ten hit), Simon, who had snuck several subtle musical explorations into the generally conservative S&G sound, broke free, heralding the rise of reggae with an exuberant track recorded in Jamaica for a song about death. From there, it was off to Paris for a track in South American style and a rambling story of a fisherman’s son, „Duncan“ (which made the singles chart). But most of the album had a low-key feel, with Simon on acoustic guitar backed by only a few trusted associates (among them Joe Osborn, Larry Knechtel, David Spinozza, Mike Manieri, Ron Carter, and Hal Blaine, along with such guests as Stefan Grossman, Airto Moreira, and Stephane Grappelli), singing a group of informal, intimate, funny, and closely observed songs (among them the lively Top 40 hit „Me and Julio Down by the Schoolyard“). It was miles removed from the big, stately ballad style of Bridge Over Troubled Water and signaled that Simon was a versatile songwriter as well as an expressive singer with a much broader range of musical interests than he had previously demonstrated. You didn’t miss Art Garfunkel on Paul Simon, not only because Simon didn’t write Garfunkel-like showcases for himself, but because the songs he did write showed off his own, more varied musical strengths. (© www.allmusic.com) Reinhören

Anfassbare Gnade?

Pastor Schmitter diskutiert auf seinem neuen Blog die Frage nach Ethik und Grenzen in Gemeinden. In der Diskussion wurde mir mit einem Mal etwas klar, was im letzten halben Jahr so im Untergrund gärte: Die Erkenntnis, dass Großkirchen und Freikirchen die Form der Zugehörigkeit grundsätzlich verschieden organisieren.

Stark zugespitzt scheint mir die Sache so zu laufen:

  • In den großen Kirchen steht das Sakrament (Taufe und Abendmahl, in der römisch-katholischen noch ne Reihe mehr) im Zentrum der Kirche. Durch das Sakrament, insbesondere durch die Teilhabe an Brot und Wein, bekommt man Anteil an Christus selbst. So wird man auch Teil des „Leibes Christi“, der Kirche.
  • In den Freikirchen gibt es kaum eine Vorstellung von Sakramenten (offenbar eine Radikalisierung und Verflachung der reformierten Positionen). Abendmahl wird zwar gefeiert – erwartet wird kaum mehr als eine „Erinnerung“ an den Kreuzestod Jesu und ein Gefühl der Verbundenheit untereinander.

Was aber sorgt dort dann für Zugehörigkeit? Antwort: Die Ethik. Wer einem gewissen Lebensstil entspricht, gehört dazu. Wer nicht, jedenfalls mittelfristig nicht. Die Grenzen verlaufen über ein paar klassische Themen, wobei „ein paar“ wohl übertrieben ist, eigentlich über eines: Sexualethik. Der christliche Lebensweg hat zwei Phasen: Die Bekehrung (der Anfang), die Heiligung (der Rest). Läuft das Zweite allzu holprig, sind die Gemeinde-Tage gezählt.

Christsein = Nachfolge = Persönlichkeitsentwicklung (oder „Umsetzen von Werten“).

Übertrieben und zu schwarz/weiß? Klar. Ein Plädoyer für „billige Gnade“? Nein. Aber für mich bleibt die Frage: Gibt es Orte, Zeiten, Räume, in denen Zugehörigkeit gefeiert wird? Gibt es Rituale, die anfassbar vermitteln, dass die Bedingungslosigkeit der Gnade die Grundlage der Veränderung ist? Wie wird die Präsenz der Gnade Gottes in unserer Mitte anschaubar?

[Kommentar Nr.9 bietet eine nicht autorisierte Zusammenfassung der Kommentare 1-8]

Hauskirche = Privatkirche?

Frage an die Missionalen unter uns: Wenn gilt „The Medium is the Message“ und wir uns in der sozialen Gestalt der Gemeinden ganz auf Hauskirchengruppen konzentrieren und öffentliche Treffen (sog. „Gottesdienste“) weglassen – wie werden reine Hauskirchen dann eigentlich als Sozialform wahrgenommen?

These: Es gibt zwei Möglichkeiten:

  • Gruppen die sich nur in eigenen Häusern treffen und nicht öffentlich, sind möglicherweise politisch gefährlich und subversiv. Haustreffen haben zwar öffentliche Bedeutung, finden aber auf Grund von Restriktionen nicht öffentlich, sondern in konspirativen Kreisen statt.
  • Ach, es gibt gar keine äußerlichen Restriktionen? Und trotzdem keine öffentlichen Treffen? Na, dann gehen die Teilnehmer wohl einem privaten Hobby nach.

Wahrnehmung also: Medium rein privat = Message rein privat?

Welche DNA hatte Jesus?

Knallerfrage wie ich finde. Stellt mir die Frau heute nacht um drei. Selbstverständlich führe ich solche Arten von Spekulationen instinktiv auf „loses geistliches Geschwätz“ zurück und entziehe mich dem Wortstreit, „der zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören“ (2 Tim 2,14-16): Indem ich mich umdrehe und weiterschlafe. Am nächsten Morgen beim Frühstück aber setzt sie neu an; während ich zunächst noch versuche, nicht „Acht zu haben auf die Fabeln und Geschlechtsregister, die kein Ende haben und eher Fragen aufbringen“ als mich in Ruhe frühstücken zu lassen, muss ich schließlich nachgeben.

Also: Welche DNA hatte Jesus? Als wissenschaftlich Halbgebildeten ist uns klar, zu jeder menschlichen DNA gehört ein weiblicher und ein männlicher Teil. Weiblich is klar, aber was ist mit der anderen Hälfte? Nun, so wie ich es im Moment sehe, gibt es darauf mögliche Antworten in folgenden Geschmacksrichtungen:

(A) Harte Geschmacksrichtung: Glauben statt Denken.

Nach Matthäus und Lukas wurde Jesus von einer Jungfrau auf die Welt gebracht. Sprich: Kein Mann im Spiel. Alle weiteren Fragen dringen in einen Bereich vor, der uns nichts angeht und sind Ausdruck unheiliger Neugier. Glaube heißt Gehorsam, also Ruhe.

(B) Mittlere Geschmacksrichtung: Feel the magic!

Irgendwie hat Gott das gemacht. Wie genau? Keine Ahnung. Kommt auch nicht so drauf an. Worum es geht, ist doch die persönliche Beziehung zu Gott und das Vertrauen, dass Gott Wunder tun kann.

(C) Softe Geschmacksrichtung: Welche Jungfrauengeburt?

Ungeachtet der Tatsache, dass die Jungfrauengeburt Teil des Glaubensbekenntnisses ist, dass Millionen von Christen sonntäglich sprechen, halten wir fest: War doch gar nich so gemeint! Unsere Vorstellung wissenschaftlicher Exaktheit hat einfach gar nichts mit der Art zu tun, wie im 1. Jh. theologisch gedacht wurde. Worum es eigentlich ging: Jesus war irgendwo voll nah zu Gott und um das auszudrücken sagt man eben: Gott hat ihn gezeugt (eigentlich, also historisch eigentlich aber theologisch uneigentlich, war’s Joseph).

Was soll ich sagen? (A) kommt nicht in Frage; wäre Jesu Herkunft Thema unheiliger Neugier, dann gäbe es das Thema Jungfrauengeburt gar nicht. (B) kenne ich gut, finde ich aber als Antwort ein bisschen billig. Eigentlich ist es gar keine Antwort, sondern eine Ablenkung. (C) Ist klar und fuzzy zugleich. Klar, weil festgestellt wird, dass Joseph aller Wahrscheinlichkeit nach der Vater Jesu war. Damit wäre die DNA-Frage geklärt. Fuzzy aber, weil irgendwie zwischen so etwas wie „wissenschaftlich-historischer“ Wirklichkeit und „theologischer“ Wahrheit getrennt wird. Wie genau aber, bleibt ziemlich unklar.

Also, Karten auf den Tisch. Meine momentane Antwort: Ich glaube, Jesus ist nicht das Produkt einer heißen Nacht zwischen Maria und Joseph, sondern tatsächlich Kind einer Jungfrau. Was das für seine DNA heißt? Irgendwie muss Gott dafür gesorgt haben, dass da ein männlicher Anteil reinkommt. (Bin mir schmerzhaft bewusst, wie albern das klingt, aber: Keine pseudowissenschaftlichen Ausflüchte!) Eine halbe jedenfalls hatte er sicher nicht, er war ja nun „ganz Mensch“. Wie und wie hat das ausgesehen? Weiß ich keine Antwort drauf. Damit falle ich wohl am Ende klar in die mittlere Geschmacksrichtung (no denying your heritage!). Folgende Fragen aber halte ich für spannend und weiterführend und alle (und noch mehr) sind hier bei Chris Tilling aktuell nachzuverfolgen:

  • Wie verhalten sich „historischer Anspruch“ der Evangelien und ihre „theologische Aussageintention“ zueinander? Gibt es „theologisch richtig“ aber „historisch nie passiert“ zugleich?
  • Wie sehr wirken in den Jungfrauen-Aussagen der Evangelien schon mariologische Traditionen?
  • Welche Ursächlichkeit und welche Wirkung hat das Thema „Sexualität und Sünde“ in diesem Traditionsstück?

Das Thema ist für mich weiter offen. Sperrangelweit offen. Und scheinbar irgendwie ein Schlüsselthema für eine ganze Menge theologischer Grundsatzfragen. Gut, wenn man ein Frau hat, die nicht locker lässt. Kommentare?

Ältere Artikel »