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So anders ist N.T. Wright…

Habe die Tage meine erste neutestamentliche Proseminararbeit nach allen Regeln historisch-kritischer Methode geschrieben (und nein - ich bin dabei nicht vom Glauben abgefallen). Das Gleichnis vom Hausbau (Mt 7,24-27) war Thema. Nachdem ich alle Methodenschritte von Literarkritik bis Religionsgeschichte durchgenudelt hatte, hat sich mir so ungefähr ein Bild von dem ergeben, wie ich den Text verstehe: Ein Gleichnis, durch das der Hörer gemahnt wird, die Worte der Bergpredigt in sein Leben umzusetzen. Durchaus unter Androhung des Gerichts. Meine Ergebnisse habe ich folgerichtig in allen landläufigen Kommentaren bestätigt gefunden. Soweit so gut. Und dann habe ich mal bei N.T. Wright nachgelesen.

Bis jetzt habe ich Wright immer gern gehört und gelesen - und, glaube ich, nie ganz verstanden, wie anders er die Evangelien angeht. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man sagt, dass er die Bergpredigt vollständig anders liest, als der ganze deutsche Forschungskonsens. Und das hat vor allem methodische Gründe: Wright lässt im Prinzip die zum Gesetz gewordene Zwischenebene des Evangelisten aus. Er hört die Worte nicht als Worte des Matthäus, der die Worte von Q umschreibt, deren Ursprung ungeklärt ist. Sondern als Worte Jesu. Das scheint auf den ersten Blick naiv. Und viele Argumente kann ich dafür im Moment auch kaum finden - finde die Ergebnisse trotzdem spannend. Was mir aber klar geworden ist: Ganz umsonst ist der große theologische Entwurf von Wright nicht zu haben. Da wäre einiges an Auseinandersetzung mit gängigen exegetischen Grundsätzen zu tun…

…wenn sie ein Kleinod solcher Weisheiten sind, wie Sirach 22,2?

Ein fauler Mensch ist wie ein Mistklumpen; wer ihn aufhebt, der muss sich die Hände abwischen.

Gebote ohne Gesetzlichkeit

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Wie gesagt lese ich mich gerade durch ein Standardwerk der alttestamentlichen Theologie, Gerhard von Rads “Theologie des Alten Testaments”. Der Abschnitt zur Bedeutung der Gebote hat mir besonders gut gefallen, weil er sehr schön zeigt, wie die Wahrnehmung der Gottesgebote durch Israel zunächst meilenweit von dem abweicht, was wir voreilig als “Gesetzlichkeit” abtun. Das hat mit folgenden Aspekten zu tun:

Gottes Gebote sind Zeichen seiner Erwählung.
Die Zehn Gebote beginnen ja gar nicht mit einem Gebot, sondern mit einer Selbstvorstellung: “Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei, befreit hat.” Mit der Ausrufung der Gebote über Israel kommt die Bundesbeziehung Gottes zu seinem Volk zu einem vorläufigen Höhepunkt. Weil Gott sich Israel als sein Volk erwählt hat, deshalb gibt er ihm seine Gebote. Und deshalb hat Israel “die Offenbarung der Gebote als Heilsereignis ersten Ranges verstanden und gefeiert.” (von Rad, 207)

Gottes Gebote sind Lebenszuspruch.
Die Gebote Gottes wurden von Israel nicht als ewiges Sittengesetz verstanden, sondern als eine konkrete Zuwendung seines Gottes. Indem Jahwe seinen Willen offenbart, eröffnet er seinem Volk einen Lebensraum. In den Geboten zeigt Gott seinem Volk an: So könnt ihr leben, darauf liegt Segen. Dabei ist zu beachten, wie weit der Rahmen durch die Zehn Gebote zunächst gesteckt ist - das ist keine penible Regelung bis in die kleinsten Details des Alltags, sondern ein Rahmen, der gewisse Eckpunkte beschreibt. Deshalb ist wohl davon auszugehen, “daß solche Forderungen im Sinne jener ‘Tafeln’ als erfüllbar, und zwar als leicht erfüllbar, galten. (…) Da ist kein Erschrecken oder ein Seufzen wie über eine Last, sondern nur Dank und Lobpreis.” (von Rad, 209)

Gottes Gebote beziehen den Menschen mit ein.
Die Religionswissenschaft kennt neben den Gesetzestexten des Alten Testaments noch zahlreiche andere, außerisraelitische Rechtssammlungen. Eine Besonderheit des AT ist, dass die Gebote dort Begründungen kennen. Nicht alle aber einige. Es gibt “theologische” Begründungen: Das Verbot, Menschenblut zu vergießen, weil der Mensch Ebenbild Gottes ist. Oder “heilsgeschichtliche” Begründungen: Am Sabbat auch die Knechte und Mägde und Fremden ruhen zu lassen, weil Gott Israel einst Israel selbst aus der Sklaverei geführt hat, usw. G. von Rad schließt daraus: “Jahwe will Gehorsam, aber er will Menschen, die seine Gebote und Ordnungen verstehen, d.h. Menschen, die sie auch innerlich bejahen. Es ist ein mündiger Gehorsam, den Jahwe fordert.” (von Rad, 211)

Gottes Gebote sind beweglich.
Israel hat den Gotteswillen nicht als starres, unveränderliches Lehrgebäude angesehen (jedenfalls nicht, so von Rad, vor einer gewissen Erstarrung in nachexilischer Zeit). Die Gebote waren stets für eine konkrete geschichtliche Situation gedacht und gesprochen und mussten deshalb in neuen Situationen neu interpretiert und verstanden werden. Vielleicht ist das der springende Punkt, wenn es um Gesetzlichkeit geht: Sind die Gebote Rahmen zur Gestaltung eines Lebensraumes oder verselbständigen sie sich hin zu einer Eigenwelt, die als unantastbar gilt, egal wie fremd sie neuen Situationen gegenüber steht? Wer jetzt übertragend an Themen wie die “Frauenfrage” denken möchte, soll das gerne tun…

Bis heute feiern die Juden übrigens, wie ich gerade lese, das sog. “Simchat Tora“: Das Fest der Freude über die Tora. Das Gesetz wird in einer Prozession getragen und geküsst, es wird ausgelassen getanzt und optional darf für die Kinder mit Süßigkeiten geschmissen werden. Soviel zur Gesetzlichkeit… :)

Lernen von Afrika…

Im letzten Sommersemester fand an der Theologischen Fakultät in Tübingen der von den Studenten selbst organisierte Studientag mit dem Motto “Ist Gott ein Europäer? Zur Bedeutung der kontexteuellen Theologie” statt. Spannendes Thema, interessante Referenten. Nach den Hauptvorträgen habe ich die Arbeitsgruppe des nigerianischen (aber in Österreich lehrenden) Theologen Dr. Chibueze Udeani besucht.

Er hat unter dem Thema “Wettkampf um die afrikanische Seele” von der religiösen Situation in Nigeria berichtet. Folgende Stichpunkte waren zentral:

  • Religion ist in Nigeria ein Alltagsthema, ein Lebensthema. Dr. Udeani brachte es so auf den Punkt: Nimm dir ein Megaphon, stell dich auf die Straße und sprich über irgendetwas Religiöses - du wirst in einer halben Stunde 1000 Zuhörer haben. (Was natürlich deutsche Sehnsüchte nach Erweckungen “wie in Afrika” zumindest zur stärkerer Selbstreflexion anregen dürfte…)
  • Da die Großkirchen es in der Vergangenheit versäumt haben, die wirklich alltäglichen Nöte anzusprechen, haben neue, freikirchliche Bewegungen großen Zulauf. Beispiele sind neopfingstliche Kirchen mit sprechenden Namen wie “Winner’s Chapel”, “Victorious Family” oder auch “Miracle Explosion”.

Zwei Dinge sind mir von seinem Bericht hängen geblieben:

Als Europäer hat sich mir sofort die Frage gestellt: Passieren in den Gemeinden dort wirklich solche Wunder, wie man hört? Ist das echt, anfassbar? Für den Referenten war das scheinbar sekundär. Wunder? Ja, von mir aus, wenn, dann passieren die auch bei Geistheilern und Medizinmännern - der Punkt ist, dass die Leute in diesen Health-und-Wealth-Gemeinden systematisch ausgebeutet werden. Ob diese kritische Beschreibung den genannten Gemeinden in ihrem ganzen Profil gerecht wird, sei einmal dahingestellt. Aber: Ich habe mich etwas ertappt gefühlt - macht die Faszination für ungewohnte Phänomene blind für die unmittelbaren sozialen Probleme?

Auf meine Frage nach einer Läuterung der theologischen Einseitigkeiten (health und wealth) in nachfolgenden, vielleicht desillusionierten Generationen, winkte Udeani nur ab. Für produktiven Umgang mit theologischer Kritik seien diese Strukturen absolut nicht gemacht. Das liege am Selbstbild: Man versteht sich als exklusive Gemeinschaft, Kritik an wesentlichen Überzeugungen wird als Angriff des Bösen gewertet, es tritt ein Märtyrerreflex ein - wir werden für unsere Überzeugungen verfolgt, es war ja nicht anders zu erwarten.

Das kommt mir aus der frommen Welt doch bekannt vor: Die Selbststilisierung als verfolgte Minderheit im Angesicht kritischer Anfragen. Da scheint es auch bei uns noch Lernpotential zu geben…

…ist irgendwie nicht das, was ich vorher dachte. Sondern:

Volker Leppin: Martin Luther

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Eine neuere Luther-Biographie, endlich mal fertig gelesen, nachdem im Wintersemester ein Seminar zum Großen Katechismus ansteht. Leppin ist insgesamt sehr um einen nüchternen Ton bemüht, der Luther nicht als Denkmal, sondern als leidenschaftlichen, widerständigen, spätmittelalterlichen Theologen darstellen will. Das gelingt hier und da auch ganz gut - gegen Ende (und das heißt: ab 1525) ist es wohl ein wenig dick aufgetragen, wenn beinahe einmal pro Seite auf den sinkenden Stern Luthers verwiesen wird. Jedenfalls: Einen guten biographischen Überblick bringt es. Als Ergänzung will ich mir dann mal Obermans Luther-Buch reinziehen - schon jemand gelesen?

Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments, Bd. 1

200807302114.jpgEin Klassiker - bis heute die deutschsprachige alttestamentliche Theologie des 20. Jh. Mit seinem Ansatz, der die Theologie Israels “nacherzählend” statt “dogmatisch-systematisch” darstellt, hat von Rad die alttestamentliche Wissenschaft revolutioniert - vor allem weil er die Disziplin mit einem im großen Entwurf von der reinen Religionswissenschaft zur Theologie zurückgerufen hat. Manche sagen, von Rad schreibt wie Thomas Mann - da ist was dran, wie ich finde. Manche seiner Thesen (1962!) sind natürlich nicht mehr aktuell. Aber insgesamt ist es ein faszinierendes Buch und macht es selbst mir, als relativem AT-Muffel, Freude in das Thema einzusteigen.

P.S.: Würde ja auch sehr gerne mal wieder nen guten aktuellen Roman lesen - habe nur gerade keinen auf dem Schirm. Kann jemand was empfehlen?

Sehnsucht nach mehr?

Je weiter man sich aber vom Glauben entfernt, desto eher sucht man den religiösen Kitsch. Je seltener man betet, desto gefühlvoller muss es sein, wenn man schon mal da ist. (S. Jürgens in: Die Welt, 22.12.2007)

Gefunden habe ich das vor einem halben Jahr in einem Artikel über Weihnachts-Gottesdienstbesuche. Die zweite Hälfte des Satzes hat mich aber auch ein wenig an die Gebets- und Lobpreiskultur unserer evangelikalen Gemeinden denken lassen. Im Umkehrschluss hieße das für das gelebte Gebet: Wer regelmäßig betet, kann es auch aushalten, wenn es mal nicht so prickelt…

Da ich im Moment zeitlich für Prüfungen eingespant bin, muss sich meine stark gebremste Lesefreude in Kaufhandlungen Luft machen. Was ich also in den letzten Wochen gekauft habe, um es bei Zeiten zu lesen, sei hier für Interessierte kurz erwähnt:

Peter Stuhlmacher - Vom Verstehen des Neuen Testaments. Eine Hermeneutik.

stuhlmacher.jpgStuhlmacher war bis 2000 Professor für Neues Testament an der Uni Tübingen. Mit seiner Hermeneutik versuchte er ausdrücklich ein Gesprächsangebot an evangelikale wie an “stärker der herkömmlichen wissenschaftlichen Kritik Verpflichtete” zu machen. Seinem Vorwort ist zu entnehmen, dass dieses Gespräch nicht zu Stande gekommen ist, da beide nicht auf die “für sie (…) unentbehrlichen Feindbilder” zu verzichten bereit waren. Die Hoffnung auf eine die Kirche einende Hermeneutik gibt er trotzdem nicht auf - nicht zuletzt, weil er überzeugt ist, dass das Neue Testament selbst einen “maßgeblichen biblischen Ansatz für die Hermeneutik” zu bieten hat. Spannend…

Robert J. Schreiter: Abschied vom Gott der Europäer.

Ein Kauf, angeregt durch den tollen Studientag an der theologischen Fakultät Tübingen, der sich unter dem Titel “Gott - Ein Europäer?” mit kontextuellen Theologien, z.B. im afrikanischen und indischen Rahmen, beschäftigte. Schreiter, ein katholischer Theologe, beschreibt das emergente Leib- und Magenthema “Kultur und Evangelium” aus globaler Perspektive. Es geht um Inkulturation, die Entwicklung regionaler Theologien und auch um ein Thema, das mich besonders interessiert: “Die christliche Gemeinde als Theologe”. Freu ich mich schon drauf.

Michael Gabel, Hans Joas (Hg.): Von der Ursprünglichkeit der Gabe.

Schwer philosophisch ist dieser Sammelband zur Religionsphilosophie des katholischen Philosophen Jean-Luc Marion. Es geht um eine Phänomenologie der Gegebenheit des Seins. Teil I bringt Aufsätze von Marion selbst, Teil II verschiedene - hauptsächlich theologische Perpsektiven - von Dritten. Im Blick ist eine Kritik egozentrischer Wirklichkeitsbezüge zu Gunsten einer Gegebenheit von Wirklichkeit: “Tritt die Subjektivität im Geschehen der Gabe hinter ihre eigenen Ansprüche zurück, so erfährt sie doch zugleich ihre Geburt als gemeintes Gegenüber einer nicht vorweg bestimm- und auslotbaren Zuwendung des Gebens.”

Übrigens: Allen Bücherfreaks, die gleichzeitig Mac-User sind, sei ein Blick auf das nette Programm Bookpedia empfohlen. Ähnlich wie itunes, nur für Bücher. Macht Spaß…

[Kleine Notiz: Dieser Post gehört zu einer Reihe von Beiträgen zu Luthers Auslegung des "Vaterunsers". Die ersten fünf Beiträge finden sich hier: 1, 2, 3, 4, 5, 6]

“Und führe uns nicht in Versuchung”

“Was ist das? Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, daß uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Mißglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.”

Drei Quellen nennt Luther für die Versuchung: Den Teufel, die Welt und unser Fleisch. Unser Fleisch: Das sind die Tendenzen und Wünsche in uns, die uns tun lassen, was „nicht Gottes ist“. Die Welt: Das sind die Strukturen, die unseren Blick vom Wesentlichen zum Nichtigen lenken. Der Teufel: Das ist das Böse, das mächtiger ist als wir und dem wir - auf uns selbst gestellt – wohl ohnmächtig ausgeliefert sind. Gerade für das Letzte haben wir das Sensorium verloren. Ausgestattet mit einer Technik und Wissenschaft, die uns alles verfügbar macht, stehen wir in der Gefahr blind dafür zu werden, dass wir so vieles nicht in der Hand haben.

Deshalb richtet sich das Gebet an den, der stärker ist: Stärker als unsere schlechten Gewohnheiten, stärker als die Ablenkungen der Welt, stärker als die Bedrohungen durch den Bösen. Sein Stärkersein gibt uns Grund für Vertrauen statt „Mißglauben“, Hoffnung statt „Verzweiflung“ und erfülltes Leben statt „großer Schande und Laster“.

[Kleine Notiz: Dieser Post gehört zu einer Reihe von Beiträgen zu Luthers Auslegung des "Vaterunsers". DIe ersten fünf Beiträge finden sich hier: 1, 2, 3, 4, 5 ]

“Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.”

“Was ist das? Wir bitten in diesem Gebet, daß der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben’s auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen. So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.”

Wenn wir bitten, fordern wir nicht ein. Entgegen allen Missverständnissen über den Sieg in Christus, die Identität in Christus und was der Schlagworte mehr sind, die hin und wieder dazu verwendet werden, uns zu zeigen, dass diese Welt und alle ihre „Segnungen“ ja jetzt angeblich uns gehören, dass wir nur auszusprechen brauchen und im Glauben zu erwarten, dass es schon geschehen sei und so fort - auch nach Kreuz und Auferstehung bleibt es dabei: Wir bleiben Bittende. Und das ist so, weil wir Menschen sind und nur Gott Gott ist.

Und wo wir beginnen zu glauben, dass wir als Begnadigte nun in eine höhere Klasse aufgestiegen seien, Erleuchtete, die nun anderen den Weg zu leuchten im Stande wären, Wissende, die Unwissende lehren, da brauchen wir dringend diese Erinnerung im täglichen Gebet: Vergib uns unsere Schuld… Darüber wachsen wir nie hinaus. Nur im Angesicht unserer eigenen Schuld und Fehlerhaftigkeit gewinnen wir einen realistischen Blick auf uns selbst und einen richtigen Blick auf den Nächsten. Oder wie es Bonhoeffer in Gemeinsames Leben sagt: „Wer unter dem Kreuze Jesu lebt, wer im Kreuze Jesu die tiefste Gottlosigkeit aller Menschen und des eigenen Herzens erkannt hat, dem ist keine Sünde mehr fremd. (…) Im täglichen ernsten Umgang mit dem Kreuz Christi vergeht dem Christen der Geist menschlichen Richtens und schwächlicher Nachsicht. Der Tod des Sünders vor Gott und das Leben durch Gnade wird ihm tägliche Wirklichkeit.“

Wer hätte gedacht, das Textkritik spannend sein kann? Niemand. Ist es auch nicht. Aber ein bisschen interessant manchmal schon. Fürs Seminar hatten wir den vielleicht berühmtesten Vers des Neuen Testaments zu untersuchen: Joh. 3,16. Und sieh da, der Text entspricht tatsächlich in seiner ältesten Bezeugung nicht ganz dem Luthertext, oder vielmehr andersrum. Und jetzt was für die Checkers von Thorstens Bibelquiz: Wie genau weicht der wahrscheinliche Urtext von Luther ab?

Luther: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Option 1: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das Leben haben.

Option 2: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er den eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Option 3: Denn also hat Gott diese Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Option 4: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit fast alle, die an ihn glauben, nicht verlieren, sondern noch ein Leben haben.

Okay, zugegeben, 4 ist es nicht. Aber jetzt: 1, 2 oder 3? (Achim, lass auch andere mal versuchen :))

Nach langem Warten und vielen ungeduldigen Leserzuschriften nun endlich der definitive Abschluss meiner Jazz TopTen. Die Nr. 1, tata, ist Bill Evans (mein Lieblingspianist jemals) mit “Portrait in Jazz“. Evans ist hier mit seiner besten Band zu hören (sein Bassist starb leider sehr früh bei einem Autounfall) und lässt jeden, der sich für Keith Jarrett erwärmen kann, wissen, wo das herkommt. Weil man Bill Evans nicht erklären kann, sondern hören muss, gibt’s ein Video:

Und nun würden mich natürlich eure Jazz-Tipps interessieren, hoffe auf interessante Kommentare. Ach ja, wer die ganzen Jazz TopTen auf einmal sehen möchte, klickt am besten auf die Kategorie Musik.

Wir haben gestern Abend in der miniChurch den Text Matthäus 14,22-33 gelesen („Jesus und der sinkende Petrus auf dem See“). Wir waren uns einig, dass Vers 31 „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ ziemlich starker Tobak ist. Belohnt Jesus es so, wenn sich jemand ein Herz fasst und dabei einmal auf die Nase fällt? Indem er gleich nachschiebt, dass man sich nicht so anstellen soll?

Ich merke, dass mich dieser Tadel „stört“ – aber das ist ja eigentlich zu erwarten bei biblischen Texten. Und dann passierte etwas Interessantes: Ich habe meinen Anstoß am Text erkannt und erst einmal beiseite gelegt, sozusagen zu späterer Behandlung, dann aber weiter gefragt: Was kann mir der Text sonst sagen? Dabei bin ich auf einen unerwarteten Punkt gestoßen. Wenn Jesus den Unglauben des Petrus so barsch verurteilen kann, was hat er dann eigentlich erwartet? Wie jemand in der miniChurch sagte: Naja, also hier steckt jemand in Todesnot, was glaubt Jesus denn, wie er reagieren soll?

Das ist der springende Punkt: Jesus sieht es selbst in der Todessituation als unrealistisch an, sich zu fürchten, wenn man Gott kennt. Das ist provokant, anstößig, unglaublich. Und zugleich eine Riesen­verheißung: Gott hält sich für so vertrauenswürdig, dass Angst selbst in solchen extremen Situationen unangemessen ist. Gott sagt: Was fürchtest du dich? Wir sagen: Was fürchte ich mich? Das fragst du? Schau dir doch die Situation an! Ich habe allen Grund mich zu fürchten! Gott schüttelt nur den Kopf: Nein, hast du nicht.

Welch ein Vertrauenspotential steckt hinter diesen Worten Jesu: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Kennst du Gott denn nicht? Weißt du denn nicht, dass es hier keinen Grund gibt, Angst zu haben?

Das kommt tatsächlich von außen auf mich zu - auf so etwas wäre ich nicht selbst gekommen.

Diese gute Frage stellte kürzlich jemand in der Dran (christliche Zeitschrift). Zur Erinnerung der Text aus dem Markusevangelium, Kapitel 11:

12 Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger.

13 Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte.

14 Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es.

15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um

16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug.

17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.

18 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren.

19 Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt.

20 Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war.

21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.

22 Jesus sagte zu ihnen: Ihr müsst Glauben an Gott haben.

23 Amen, das sage ich euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen.

24 Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet - glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.

Also, mir fiel spontan keine Antwort ein. Besonders rätselhaft finde ich die Reaktion auf den Hinweis von Petrus in 21-23. Was hat das Verfluchen von Feigenbäumen mit einem bergeversetzenden Glauben zu tun? Und hatte Jesus nichts besseres zu tun, als Feigenbäume unfruchtbar zu machen? War Jesus manchmal so schlecht drauf, dass er seinem Ärger durch zornige Flüche Ausdruck verliehen hat?
Dann las ich heute in meinem frisch angekommenen Exemplar von N.T. Wrights Jesus and the Victory of God einen ganz interessanten Absatz zu dem Thema und habe das dann in Wrights Markus-Kommentar nochmal nachgesehen. Er erklärt das ungefähr so:

Die Geschichte vom verfluchten Feigenbaum ist 1) die Rahmung der Geschichte von der Tempelreinigung (A “Feigenbaum I”, Verse 12-14; B “Tempelreinigung” Verse 15-19; A “Feigenbaum II” Verse 20-24) und muss 2) als eine Art Live-Performance-Gleichnis verstanden werden. Als rahmendes Gleichnis verdeutlicht es die Bedeutung der Tempelreinigung in der Mitte des Abschnitts. Feigenbaum und Tempel hängen also ganz eng zusammen und sind nicht zwei Ereignisse, die zufällig in ein paar Versen nebeneinander stehen.

Erkenntnis 1: Die Feigenbaumgeschichte erzählt nicht eine nette (oder nicht so nette) private Episode aus dem manchmal etwas stressigen Alltag von Jesus als Wanderprediger, der manchmal so Hunger hatte, das er sich vor einem Obstbaum vergaß. Die Geschichte ist vielmehr eine Art Predigt, die das Ereignis der Tempelreinigung “auslegt”. Aber wie?

Wer N.T. Wright ein wenig kennt, weiß, dass er das Wirken von Jesus durchgehend als eine Konkurrenz zum jüdischen Tempelkult versteht. Der Tempel stand demnach nicht mehr für die Segnung Israels mit der Gegenwart Gottes, durch die Israel zum Segen für alle Völker der Welt werden sollte. Er stand inzwischen für die Ungerechtigkeit der reichen Priesterklasse gegenüber dem einfachen Volk und für die Arroganz einer Religion, die sich für die exklusiv gesegnete hält, und sich mit Prestigeobjekten von den Nicht-Erwählten absetzen will (kommt einem als Christ auch bekannt vor).
Das sah Jesus anders und deshalb stellte er sich zu den Ausgeschlossenen und Randfiguren - und kündigte dieser Art von Religion Gericht an. Im Fokus stand dabei der Tempel. So versteht Wright die Tempelreinigung nicht allein als Kampfansage gegen die Verkommerzialisierung der Religion, sondern noch weitergehend: Als Gerichtsankündigung gegen religiöse Arroganz und unbarmherzige Exklusivitätsansprüche.

Und so lässt sich vielleicht die Feigenbaumszene deuten: Wie der Feigenbaum dem hungrigen Wanderer keine Früchte bietet, so hat der Tempel in Jerusalem die Kraft verloren, den Gotteshungrigen Seine Gegenwart zu vermitteln. Deshalb hat die alte religiöse Klasse und ihr System ausgedient - Jesus zeigt seinen Jüngern einen neuen Weg und kündigt dem alten Gericht an (starker Tobak finde ich).

Bleibt noch die kryptische Antwort mit dem bergeversetzenden Glauben. Wright schlägt vor, hier nicht an irgendeinen Berg, sondern kontextgetreu, an den Tempelberg zu denken. Offen bleibt für mich dann allerdings die Bedeutung von Vers 24 - da klingt doch eher was anderes an.

Aber immerhin - der Zusammenhang von Feigenbaum und Tempelkritik wirft ein neues Licht auf die Szene, oder? Und wäre es nicht faszinierend, ausgerechnet in derjenigen Geschichte, die uns scheinbar einen launischen Gott zeigt, der willkürlich Heil oder Unheil verteilt, ausgerechnet in dieser Geschichte den Gott zu treffen, der sich den Menschen - gerade den Schwachen und Unfähigen - zuwendet?

E.L. Doctorow: Der Marsch

Zurück aus dem Urlaub und der entsprechenden Blogpause. Nachdem ich es endlich geschafft habe, auch den dritten Teil von Lord of the Rings zu lesen, habe ich mich an ein Buch gemacht, das in den Feuilletons ziemlich viel Lob geerntet hat: E. L. Doctorows Der Marsch . Hatte von ihm vorher noch nichts gehört, aber eben ein, zwei begeisterte Rezensionen seines neusten Romans gelesen. Als deutsch sozialisierter Leser hatte ich mich bei so viel Kritiker-Lorbeeren (u.a. PEN/Faulkner-Award) auf anspruchsvolle, also: schwer zu lesende, widerständige 400 Seiten gefasst gemacht. Außerdem versprach das Thema der Geschichte, der amerikanische Bürgerkrieg, nicht unbedingt unterhaltsame Stunden. Aber siehe da, es kam ganz anders.

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Das Buch erzählt die letzten Monate des amerikanischen Bürgerkrieges als ein Panorama von Einzelschicksalen, vom hohen General bis zum einfachen Sklavenmädchen. Die Erzählstränge laufen teilweise lose nebeneinander her, werden hier und da verknüpft, gehen dann wieder ihrer Wege. Alles sehr kunstvoll gemacht, ohne unübersichtlich zu werden. Die Geschichte steckt voller sympathischer und faszinierender Figuren: Durch die Vielfalt an Handlungssträngen will man ständig wissen “wie es weiter geht” - das beste Indiz für “Spannung”. Dabei ist das Buch in seiner Drastik an manchen Stellen echte “Antikriegsliteratur” und schafft es trotzdem, man weiß nicht wie, durch alles einen humorvollen, fast unbeschewerten Ton zu halten. Das ist wohl die angloamerikanische Erzähltradition: Sie schafft es manchmal besser als die deutsche, so scheint mir, schwierige Themen ohne schwere Stimmung zu behandeln. Kurz: Lesetipp!

Ich war die letzten Tage im schönen kleinen Ratzeburg auf der Frühjahrstagung der Luther-Akademie. Zum Theologischen werde ich wohl demnächst mal was schreiben, im Anschluss an die “Praying with the Church”-Beiträge will ich hier aber eine interessante Erfahrung beschreiben: Morgens und abends wurden im Dom Mette und Complet, also zwei der vier evangelischen Stundengebete gemeinsam gebetet/gesungen. Yotin hat in einem Kommentar schon Auszüge aus der katholischen Version beschrieben. In einigen Punkte meine Eindrücke davon:

  • Der Rhythmus - Es ist echt erleichternd, einfach mal passiv in einen Ablauf eingespannt zu sein. Man betet, egal ob man sich gerade danach fühlt oder nicht. Und zum ersten Mal schien mir der Gedanke Bonhoeffers aus Gemeinsames Leben machbar: Dass das erste und das letzte Wort des Tages Gott gehört.
  • Die Texte - Sehr gut fand ich den Gedanken, viel biblische Texte zu singen. Eine gute Art, Bibeltexte (vor allem Psalmen) auswendig zu lernen.
  • Die Frömmigkeit - in der Betonung der individuellen Schuld und der Sehnsucht nach dem Jenseits waren mir die Texte manchmal schon etwas fremd.
  • Die Form - Retro-ästhetisch war das liturgische a capella Singen in einem großen Dom natürlich erste Klasse. Auf der anderen Seite muss man sich schon ehrlich fragen, ob das meinem heutigen Lebenskontext entspricht. Bleibt für mich offen. Aber zwischendurch habe ich gemerkt: So ein mitreissender worship-song hat doch auch was für sich. Vielleicht liegt die Chance in der Ergänzung?

Von Karola angefragt hier auch nochmal lose meine übrigen Erfahrungen mit dem Thema:

  • Psalmengebet - Mache ich seit einigen Wochen. Favourites sind momentan Ps. 1, 46, 100, 113.
  • Klassische Liedtexte, z.B. Paul Gerhardt. Meist kann ich nicht mit allen Strophen etwas anfangen (siehe Punkt “Frömmigkeit”, oben). Aber die 2. Strophe von “Befiehl du deine Wege” gehört zu den besten und intensivsten Texten, die ich in den letzten Monaten entdeckt habe.
  • Vaterunser und Jesusbekenntnis. Finde ich sehr hilfreich, vor allem als Sammlung der Konzentration zum Beginn des Betens. Herunterleiern erlebe ich dabei eigentlich überhaupt nicht als Problem.
  • Freies Gebet gehört für mich trotzdem unentbehrlich dazu. Fällt mir gerade schwerer, weil ich mich bei festen Texten wie gesagt besser konzentrieren kann. Eine andere Art des Gebets, für mich schon noch persönlicher. Für das gemeinsame Gebet könnte ich mir nach den momentanen Erfahrungen allerdings das Liturgische tatsächlich als sehr hilfreich vorstellen.

Zum Abschluss der Reihe zu Scot McKnights Praying with the Church noch drei abschließende Gedanken:

1) Auswendiglernen

Wer sich für das eigene Gebetsleben in das liturgische und rhythmische Gebet einüben will, wie McKnight es vorschlägt, wird auf Dauer um eins nicht herumkommen: Auswendiglernen. Was in der Sonntagschule allerdings zumeist nur lästige Pflicht war, könnte hier eine neue Tiefe und Bedeutung bekommen, wenn man gelernte Gebete und Psalmen tatsächlich als Schatz fürs eigene Glaubensleben erfährt. Wäre das nicht mal ein Old-School-Revival für Hauskreis/miniChurch: Gemeinsam Gebete auswendig zu lernen? :)

2) Gebet in Gemeinschaft

McKnights Ideen zum persönlichen Gebetsrhythmus finde ich sehr interessant, einige davon habe ich auch für mich übernommen und als sehr hilfreich erlebt. Offen bleibt allerdings die Frage nach dem gemeinsamen Beten - denn dort siedelt er ja das vorformulierte Gebet eigentlich an. Markus Lägel hat dazu auf der letzten CityChurch-Freizeit Zinzendorf in Form einer Frage zitiert: Können wir überhaupt ehrlich vor anderen beten, wenn nicht in vorformulierten Gebeten? Meint: Sind wir nicht oft sehr mit uns selbst beschäftigt, wenn wir vor anderen unsere eigenen Worte finden wollen? Beten wir dann wirklich zu Gott, oder sprechen wir eigentlich zu den anderen?

Für manche mag auch in größeren Gebetsgemeinschaften das spontane und freie Gebet das natürlichste sein. Für andere könnte es jedoch im Sinne Zinzendorfs hilfreich sein, sich in die Gebete der Tradition “einzuklinken”. Und beide Gruppen würden in den alten Gebeten wahrscheinlich einiges finden, das den eigenen Horizont erweitert. Wie könnten wir also die - zumindest in den mir vertrauten Gemeindeformen - übliche Gebetsform des freien Gebets um die Dimension des gemeinsamen, formulierten Gebets ergänzen? Wie kann ein gutes Miteinander der Stile aussehen? Welche Gebete wären dafür geeignet? Also Punkt 3.

3) Deine Gebete?

Karola hat im Kommentar zum ersten Post schon gleich zielsicher angefragt: Welche Gebete gibt es denn da so, die es lohnte, zu beten, zu meditieren, auswendig zu lernen? Wäre schön, wenn wir hier einige sammeln könnten, finde ich. Einfach Gebet (am besten mit Autor/Quelle) in den Kommentar und, falls du magst, was du damit verbindest. Bin gespannt!

(Inhalt aus: Scot McKnight, Praying with the Church.)

Bleibt die Frage: WIe können wir die beschrieben Gebetstradition für uns fruchtbar machen?

Scot McKnight schlägt vor, den alten jüdischen Gebetsrhythmus mit christlichen Gebeten zu füllen. Als Elemente eines christlichen Gebetsrhythmus nennt er:

1. Das Vaterunser.

Also dasjenige Gebet, dass Jesus seinen Jüngern auf die Frage hin genannt hat, wie sie denn beten sollen. Was mich überrascht hat: Ich dachte immer, das Vaterunser sei ursprünglich nicht zum wörtlichen Rezitieren gedacht, sondern mehr als Leitfaden des frei formulierten Gebets. Dafür ist es sicherlich auch sinnvoll. Aber in der Didaché, der ersten erhaltenen Kirchenordnung (zwischen 100 und 150 n.Chr.) ist bezeugt, dass die ersten Christen tatsächlich das Vaterunser drei mal am Tag wörtlich, liturgisch beteten.

2. Das „Jesusbekenntnis“

So nennt McKnight die von Jesus erweiterte Form der Shema, wie sie sich ihn Mt. 22:37f. findet:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

3. Die Psalmen und die Gebete und Lieder der Kirchengeschichte.

Jesus kannte viele Psalmen, wahrscheinlich das ganze Psalmenbuch, auswendig. McKnight sagt: Jesus lebte und atmete die Psalmen. Es gibt viele Stellen in den Evangelien, in den Jesus die Psalmen zitiert oder auf Fragen mit Versen aus den Psalmen antwortete.

In den Gebetsbüchern der Kirche sind uns die Gebete von Gläubigen erhalten, teilweise Jahrhunderte, alt. Sie sind uns in der Sprache vielleicht fremd, aber sie bezeugen den Reichtum der Gottesbeziehungen von Jahrhunderten, von vielen Menschen. Hier liegt für uns ein großer Schatz, den wir noch nicht einmal begonnen haben, auszuschöpfen.

Wie könnte also ein christlicher Gebetsrhythmus aussehen?

Morgens

  • Jesusbekenntnis
  • (Psalm/Gebet)
  • Vaterunser

Mittags

  • Vaterunser

Abends

  • Jesusbekenntis
  • (Psalm/Gebet)
  • Vaterunser

Den Rhythmus einüben.

McKnight sagt, das es niemals leicht ist, eine neue Gewohnheit einzuüben. Für den Gebetsrhythmus empfiehlt er, sich natürliche Pausen oder Unterbrechungen im Tag zu überlegen. Was kehrt fast jeden Tag wieder? Woran könnte ich Gebetspausen anknüpfen?

Fazit:

  1. Gebet hat zwei Dimensionen: Praying in the Church und Praying with the Church.
  2. Jesus lebte sein Gebetsleben in einem Gebetsrhythmus mit festen Gebeten.
  3. Wenn wir die reiche Gebetstradition des vorformulierten Gebets erforschen wollen, stehen uns vor allem drei Quellen zur Verfügung: Die Gebete der Psalmen, die Gebete des Neuen Testaments und die Gebete und Lieder der Kirchengeschichte.

(Inhalt aus: Scot McKnight, Praying with the Church.)

Nun ist McKnight in einer Glaubenstradition groß geworden, die festen Gebeten sehr skeptisch gegenüber stand. Vorformuliertes Gebet wurde schnell in Zusammenhang mit unpersönlichem Glauben und mit dem „Geplapper der Heiden“ gebracht.

Deshalb fiel es ihm nicht so einfach, sich dieser Art des Gebetes zu nähern. Sein Weg ging über eine Untersuchung der Art, wie Juden im Alten Testament und wie Jesus und die ersten Christen (die ja fest in der jüdischen Tradition verankert waren) gebetet haben. Und da hat er überraschende Entdeckungen gemacht.

Die jüdische Gebetstradition hat zwei zentrale Elemente:

  1. Es wurden häufig formulierte Gebete gebetet.
  2. Es wurde in einem Gebetsrhythmus gebetet, der den Tag strukturierte.

zu 2) Der Gebetsrhythmus der Israeliten beinhaltete drei Gebetszeiten am Tag: Morgens, mittags und abends. Zu diesen Zeiten erinnerten sich alle Juden an ihren Gott und seine Treue mit seinem Volk und beteten – als Gottes Volk– gemeinsam zu ihrem Gott. Dabei wurden die drei Zeiten wohl weniger als Unterbrechung des Tages angesehen, sondern vielmehr als eine Art Tagesstruktur oder Tagesablauf. Der Tag wurde also nicht durch den Uhrzeiger aufgeteilt, sondern durch den Rhythmus des Gebets: Beginn des Tages, Mitte des Tages, Ende des Tages.

McKnight bezeichnet diesen Rhythmus als „alte Weisheit“, wie Menschen ihren Tag auf Gott ausrichten können. Er zitiert den Neutestamentler Joachim Jeremias, der schreibt:

Diese drei Gebetszeiten, gemeinsam mit dem Segen vor und nach den Mahlzeiten, waren Israels großer Schatz, ein Rahmen für die Ausbildung und Übung im Gebet, für alle, von ihrer Jugend an.

zu 1) Was beteten die Juden in diesen Zeiten? Wahrscheinlich beteten sie auch frei. In jedem Fall aber wurden ihre Gebetszeiten strukturiert durch:

  1. Die “shema”

    Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

  2. Die zehn Gebote (2. Mo. 20, 5. Mo 5)
  3. Die “amidah” (heißt “im Stehen”) oder das “shemon esre” (”Achtzehn Bitten”, obwohl es tatsächlich 19 sind). Als Beispiel die erste und die letzte Bitte:

#1 Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, großer starker und furchtbarer Gott, der du beglückende Wohltaten erweisest und Eigner des Alls bist, der du der Frömmigkeit der Väter gedenkst und einen Erlöser bringst ihren Kindeskindern um deines Namens willen in Liebe. König, Helfer, Retter und Schild! Gelobt seist du, Ewiger, Schild Abrahams!


#19 Verleihe Frieden, Glück und Segen, Gunst und Gnade und Erbarmen uns und ganz Israel, deinem Volke, segne uns, unser Vater, uns alle vereint durch das Licht deines Angesichts, denn im Lichte deines Angesichtes, gabst du uns, Ewiger, unser Gott, die Lehre des Lebens und die Liebe zum Guten, Heil und Segen, Barmherzigkeit, Leben und Frieden, und gut ist es in deinen Augen, dein Volk Israel zu jeder Zeit und jeder Stunde mit deinem Frieden zu segnen. Gelobt seist du, Ewiger, der du dein Volk Israel mit Frieden segnest!

Juden beteten zur Zeit Jesu (und Jesus mit ihnen) wahrscheinlich in diesem Rhythmus:

Morgens

  • Shema
  • (Zehn Gebote)
  • Amidah

Mittags

  • Amidah

Abends

  • Shema
  • (Zehn Gebote)
  • Amidah

Zusammenfassend:

  1. Als Juden beteten Jesus und seine Jünger drei mal täglich.
  2. Diese Gebete gaben ihrem Tag eine Art heiligen Rhythmus, in dem sie sich auf ihren Gott ausrichten konnten.
  3. In ihren Gebetszeiten stellten sie sich in die Gebetstradition ihres Volkes. Zur Dimension des individuellen Gebets kam die Dimension des gemeinsamen Gebets als Gottes Volk.
  4. Sie beteten die Shema, wahrscheinlich die 10 Gebote und die Amidah. Außerdem waren die Psalmen ihr Gebetsbuch.

(Inhalt aus: Scot McKnight, Praying with the Church.)

Scot McKnights Buch Praying with the Church hat ein zentrales Anliegen: Die Dimension des frei formulierten, spontanen und individuellen Gebets um die Dimension des vorformulierten, rhythmischen und gemeinsamen Gebets zu erweitern.

McKnight unterscheidet zwei Formen des Gebets:

Praying in the Church, das ist:

  • frei formuliertes Gebet
  • spontanes Gebet
  • individuelles Gebet

Praying with the Church, das ist:

  • vorformuliertes, gedichtetes Gebet
  • rhythmisches, regelmäßiges Gebet
  • gemeinsames Gebet

McKnight verwendet ein Bild, mit dem er das noch einmal verdeutlicht: Sein Besuch in Assisi. Er suchte dort die berühmte Gebetskapelle der ersten Franziskaner und fand sie nach längerem Suchen inmitten einer großen Basilika, die später darum gebaut worden war.

McKnight vergleicht die große Basilika und die kleine Porziuncola mit zwei Arten des Gebets:

„Gebet kann auf der einen Seite klein und zurückgezogen und still und allein sein, so wie die Porziuncola und Gebet kann auf der anderen Seite öffentlich und laut ausgesprochen und gemeinsam mit anderen stattfinden (so wie die Basilika).”

Wir sind als Christen eingeladen, beide Arten des Gebets zu üben: Das Gebet in der Kirche (in unserer kleinen Kapelle) und mit der Kirche (in der großen Basilika). Wir sind eingeladen, unsere persönlichen Gebete von den Gebeten der Kirche umschließen und erweitern zu lassen.

Wenn wir mit der Kirche beten, dann werden wir Teil einer größeren Gebetstradition. In dieser Tradition beten wir die Gebete der Bibel und die Gebete der Kirche.




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